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23. Februar 2011, 17 Uhr

   Liebe Frauen und Männer vom Zinkhütten-Viertel !

   Ich möchte Euch Mut zusprechen.
   Dafür gibt es mehrere sehr gute Gründe.

   Ihr seid hier mit so vielen. Ich sehe, dass Ihr zusammen haltet. Die Jungen und die Alten. Dies habt ihr viele Male in Eurem Leben gemacht.
   Am Arbeitsplatz.
   Mit den Kindern.
   In der Familie.
   In der Nachbarschaft.
   Ihr seid solidarisch.

   Daher empfangt ihr auch viel Solidarität von anderen Menschen.

   Was hier an Unrecht geschieht, wisst Ihr alle – und viel besser als ich.
   Ich habe dieses Unrecht in Artikeln beschrieben. Im Internet kann man das lesen. (www.deutscherwerkbund-nw.de)
   Über Verrat und Verräter sprechen wir an anderer Stelle.
   Ich will hier die kostbare Zeit zur Ermutigung nutzen.

   Ermutigung - damit Ihr gut schlafen könnt. Opfert dem Sevenick und seinen Leuten nicht Euren Schlaf, das verdienen sie nicht und es lohnt sich nicht.

   Ich gebe Euch ein Beispiel, wie das Zusammenhalten zu einem ganz großen Erfolg geführt hat – dies soll Euch ermutigen. In den 1970er Jahren entstanden im ganzen Ruhrgebiet 50 Bürgerinitiativen  in Arbeitersiedlungen. Sie kämpften ebenso wie Ihr gegen große Konzerne, Spekulanten,  Finanzhaie, Heuschrecken, die ihre Siedlungen zerstören wollten.
   Diese dachten, sie hätten leichtes Spiel mit der Bevölkerung. Aber die Leute hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Das beste Beispiel habt Ihr hier in Duisburg auf der anderen Seite des Rheins: in Homberg in der Siedlung Rheinpreußen. Der Zusammenhalt war großartig. Und ebenso in anderen Siedlungen. Wir haben uns gegenseitig geholfen.
   Wir haben auch zusammen gefeiert. Feiert im Sommer auf Eurer schönen Wiese !
   Am Ende haben wir alle gewonnen. Tausend Siedlungen waren gerettet. Für 500 000 Menschen. Dies war ein ganz großer Sieg.
   Daraus entstand ein Städtebauministerium. Mit einem ausgezeichneten  und sehr sozialen Minister. Er hieß Christoph Zöpel. Neulich, nach vielen Jahren, wo er im Bundestag und als Minister im Auswärtigen Amt war,  ist er wieder gekommen – und ist großartig für Bruckhausen eingetreten. Und gestern hat er mir gesagt, ich soll Euch alle grüßen und Ihr dürft ihn als Euren Unterstützer der Öffentlichkeit darstellen.

   Ich bitte Euch: Fühlt Euch nicht wie Opfer, sondern sagt Euch jeden Tag, dass dieses dramatische Geschehen  eine Art Prüfung ist, in der wir uns bewähren sollen. Ihr alle. Und auch ich. Und viele weitere.  
   Wir leben Solidarität. Dies tut uns allen gut. Davon haben wir etwas. Sie bereichert unser Leben. Es ist schön, Freunde zu haben. Ihr kommt in Kontakt mit vielen guten Menschen.
   Ihr könnt stolz sein auf Euch.
   Ihr gebt vielen anderen ein Beispiel. Ihr fechtet einen Kampf aus, mit dessen Beispiel auch in anderen Orten Spekulanten verjagt werden.
   Dies ist als Problem kein kleiner Fall, sondern an Euch lernen viele Menschen in der ganzen Metropole Ruhr. Führt viele Leute, die von überall her kommen, durch die Siedlung. Trinkt mit ihnen Kaffee. Erzählt ihnen !
 
   Thyssen hatte sich damals in Eisenheim nicht wenig den Ruf beschädigt. Das tut es heute wiederum  mit Bruckhausen und mit Immeo.
   Wenn Thyssen ein Gewissen hätte,  müsste es Immeo sagen: Finger weg von der Vertreibung von Menschen, die einst für uns einen Teil ihres Lebens eingesetzt haben.

   Bei der Verteidigung der Bergarbeiter-Siedlungen waren es vor allem die alten Leute, die ganz stark waren: mit ihren Argumenten, mit ihren Lebensgeschichten, mit ihren Appellen an Gerechtigkeit, mit ihrer Glaubwürdigkeit.

   Denken wir auch daran, dass das Zinkhütten-Quartier ein hoch bedeutendes Baudenkmal ist. Seine Kern-Idee: Landschaft zwischen den Wohnbauten. Einer der berühmtesten Architekten des 20. Jahrhunderts hat es geschaffen: Max Taut.
   Es ist eine Schande für Duisburg, dass sich Politik und Verwaltung an diesem kulturellen Werk vergreifen.  

Sie werden nicht durchkommen.
Pläne können durch Mehreres zu Fall kommen:

  • Durch Fehler im Verfahren. Solche Fehler können wir nachweisen.
  • Durch mangelhafte Abgewogenheit.  Erst wenn die Pläne angenommen sind, können wir vor Gericht ziehen – das tun wir dann aber auch. Und wir sagen: tausend Menschen mit 400 Wohnungen gegen eine Parkfläche ?  Hies hat keine Spur von Allgemeinwohl - dies ist ein Verbrechen.
  • Hinzu kommt: das ganze Outlet-Projekt ist ein Phantom: städtebaulich von vorn bis hinten unseriös angelegt, reine Werbung, ein Schwindel, eine Phantasterei. Die aufschäumenden  Versprechen kann der sogenannte Investor überhaupt nicht einhalten, er macht sie nur, um zu täuschen.
  • Wir können den Widerstand so hoch auflaufen lassen, dass es für den Investor zu teuer wird. Dann läßt er das Vorhaben von einem Tag auf den anderen wie eine heiße Kartoffel fallen.
  • Es gibt noch viele weitere  Gründe.


   Wir haben ein Netz von Menschen, die mithelfen.
   Das Wichtigste aber ist: dass Ihr zusammen haltet.
   Wenn Ihr zusammenhaltet und viele solidarisch mithelfen, dann werden wir siegen.

   Ich rate Euch: Fallt nicht herein auf das Umzugs-Geld. Das ist ein Linsen-Gericht. Es reicht nicht und es ist ja übermorgen ausgegeben ist. Wer sich darauf einlässt, zahlt drauf und wird es bitter bereuen.

   Wir haben alle Chancen, in den Wohnungen zu bleiben. Bis zum Lebensende.
   Dann haben wir alle durch unseren Widerstand ein Stück Stadt-Geschichte geschrieben.

   Diese Spekulanten versuchen den Ruf der Stadt zu demolieren.
   Wir werden einen ganz anderen Ruf für die Stadt aufbauen – einen guten, menschlichen, sozialen, kulturellen: dass hier Menschen leben, die zusammenstehen, die sich wehren,  die intelligent sind, auch so schlau, miese Schachzüge zu durchkreuzen.
   Wir werden in diese Welt andere Maßstäbe einbringen als das Geld und die Korruption, die hier deutlich erkennbar ist.
   Die Bevölkerung hat unlängst den Kopf einer schlechten Stadt-Regierung abgewählt.  
   Es war auch der Zorn.
   Der Zorn hat über das Gefühl der Ohnmacht gesiegt.
   Wir können ein ähnliches Beispiel geben.  
   Wir brauchen saubere Parlamente, nicht Versammlungen von Lobbyisten und Vorteilnehmern. Zum Beispiel Rechtsanwälte und Notare, die das Geschäft einfädeln, es im Parlament durchbringen und die Verträge machen. Dies ist ein Fall für den Staatsanwalt.
   Politik und Verwaltung sollen Respekt vor Menschen haben.
   Sie sollen nicht im Geschäftemachen, sondern im Sozialstaat einen tiefen Sinn erkennen.  

   Die Bewohner in der Siedlung bildeten Nachbarschaften und Freundschaften in der Nähe ihrer Wohnungen – dies war für ihr Leben sehr wichtig. Die Wohnung ist nicht nur eine Quadratmeterfläche  zum Essen, Schlafen und für den Fernseher, sondern ein fester Ort in einem sozialen Gefüge. Dazu gehören die vielen kleinen Dinge, an denen Bedeutungen und Prozesse hängen. Erinnerungen. Viele viele Geschichten. Aufhellende Blicke. Viel Liebe. Glück.
   In diesen Wohnungen stecken vielschichtige Erfahrungen und Biographien.
   Eine Wohnung in diesem Kontext schützte auch vor dem Alleinsein. Weil immer mehr Menschen in ihrer vertrauten Umgebung sterben möchten, gibt es inzwischen  ambulante Hospiz-Dienste. Halten wir uns vor Augen, dass die Menschen, die von uns gingen, oft in der Nähe der Wohnungen bestattet wurden – so ist es schön, daß Witwen und Witwer in der Nähe zu den Gräbern gehen können, um mit denen zu sprechen, mit denen sie ihr Leben zugebracht hatten.
   Die Jungen brauchen die Generation der Alten. In anderen Kulturen sind alte Menschen sakrosankt – sie werden geehrt. Denn Lebenserfahrungen haben mit Weisheit zu tun. Dies kann nur abtun, wer zynisch ist und Menschen verachtet.
   Dies alles ist Menschenrecht.
   Die Menschenrechte sind die Grundlage eines Staatswesens, das sich nach der Hitler-Ära geschworen hatte, wieder  anständig und respektvoll mit Menschen umzugehen.
   Bei uns im Duisburger Norden können viele Menschen ein positives Bild dieser Stadt lernen. Erkennen, was Werte sind. Was Menschen sind.
   Wir wollen nicht mehr vom goldenen Kalb des Geldes geblendet werden, sondern wir wollen einen Neuanfang in Duisburg haben, der auf diesen Werten aufbaut.

   Wir sind hier in einer evangelischen Kirche.
   Auch dies heißt: Ihr seid nicht allein.  
   Ich trage einen großartigen Satz von Bonhöffer im Kopf mit mir. Jedes Mal, wenn ich daran denke – und ich denke oft an ihn -  treibt er mir in die Augen die Tränen der Freude und des Mutes. Das ist Bonhöffers Satz: „Von guten Mächten wunderbar geborgen.“
   Dies schrieb Bonhöffer im Angesicht des extremsten Augenblicks – seine Wirkung war so  großartig, dass er in der Welt bis heute viel Gutes bewegt.
Also, habt Mut ! Stehen wir zusammen ! Wir werden gewinnen !

   Und noch zwei Sätze.
   Ihr habe einen guten Freund wieder gewonnen: Den Alt-Bürgermeister Josef Krings. Das war damals ein guter Bürgermeister.
Am liebsten würde ich ihn zum neuen Bürgermeister wünschen.


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