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Industriewald der Region Rhein-Ruhr

Verein Industriewald

   Zum IBA-Projekt, das um 1995 entstand, gründeten nach der IBA (1989/1999) um 2005 mehrere Werkbund-Mitglieder den „Verein Industriewald“. Er arbeitet eng mit dem Forstamt Recklinghausen im Landesbetrieb Wald und Holz zusammen. Der Verein ist auch offen für weitere  Personen, die nicht im Werkbund sind.
   Zentrum seiner Tätigkeit ist der Industriewald auf dem Gelände von Rhein-Elbe im Süden von Gelsenkirchen. Treffpunkt ist die Forststation im erhaltenen Schaltgebäude der Zeche Rhein-Elbe.
   Der Verein widmet sich auch dem Nachlaß von Herrman Prigann,  der die künstlerische Arbeit auf der Fläche mit vielen Skulpturen, dem Industriearchäologischen Feld, dem Spiralenberg mit der Himmelstreppe und vielem mehr entwickelte.
   Vorsitzender des Vereins ist Dr. Hans Otto Schulte dwb. Er war Planungsdezernent in Oberhausen und Staatsrat in Bremen.

   Die IBA Emscher Park startete das Projekt Industriewald 1996. Es schuf einen neuen Typ der Naherholung.
   Die spannendste Fläche ist das Gelände der Zeche Rhein-Elbe im Süden von Gelsenkirchen im Ortsteil Ückendorf.
  Das Projekt soll ausgeweitet werden: Auf 17 Flächen. Es gehört zum Landesbetrieb Wald und Holz Nordrhein-Westfalen. Es läuft in der Forstverwaltung  in einem Rahmen, der sich  „urbaner Raum“ nennt. Dazu gehört die Forststation Rheinelbe in Gelsenkirchen-Ückendorf. Reinhart Hassel ist Leiter des Regionalforstamtes Ruhrgebiet. Neue Für die Förster entstehen neue Aufgaben. Die Holz-Nutzung gering und nebensächlich. Hauptsächlich geht es um Umweltbildung und Naturschutz. Die Förster vergleichen sich mit Rangern  im Nationalpark. Sie kümmern sich auch um Konfliktlösungen.

   Schulen fragen nach Exkursionen. Waldtage stehen auf dem Stundenplan. Genutzt wird der Industriewald sehr häufig von der „Grünen Gruppe“ aus der Kita Leithestraße. Stichworte dazu: Bewegungs-Förderung. Springen. Klettern. Balancieren. Reiten. Neue Spielplätze. Natur-Wippen. „Waldschule“.
   Förster Oliver Balke, der Büro und Wohnung im ehemaligen Umspannwerk hat,  arbeitet auf der Fläche schon 13 Jahre. Er entwickelte Programme, Programm. Dazu gehören: Sprachförderung. „Waldschminke“. Aus Lehm und Kohlestücken. 4.500 Menschen besuchen jährlich die Veranstaltungen.
   „Man muß gar nichts tun, die Kinder finden die spannendsten Spielmöglichkeiten von ganz allein.“„Kinder gehen gern auch bei Regen in den Wald.“ „Es entstand das Wort Waldkinder“. Nie gab es ernsthafte Verletzungen.
Es ist spannend zu sehen, wie die Tier- und Pflanzenwelt das Gelände erobert: 36 Hektar Grün wurden erobert. Der Förster erklärt, u. a. die Tümpel mit Fröschen, Molchen und Kröten.
   Wind weht Partikel aus Staub und Ton an. Es setzt sich in den Ritzen und Nischen des steinigen Untergrundes fest. Das Regenwasser fließt im lockeren Boden rasch ab. Die Flächen bleiben trocken.
   Es keimen jedoch Färberwau, klebriger Atlant, Ackergauchheil, kanadisches Berufkraut, Moosarten. Dazu kommen rasch Birken. Darauf entsteht eine ähnliche Sukzession wie auf einer Vulkaninsel. Erste Samen von einigen Pionierpflanzen wurzeln sich ein. Die Bereiche sind meist von einer Pflanze dominiert. Zum Beispiel von der Ackerkratzdistel oder von nordamerikanische Goldruten. Kaninchen hinterlassen Kot. Das ist Nahrung mit hohem Nährstoff und speichert Wasser. Lockerer Birkenwald entsteht.  Viele Pflanzen können nicht siedeln wegen der Altlasten. Den Birken folgen die ersten Stieleichen und Bergahorne.
   Auf der Zechen-Brache bildet sich sehr langsam wilder Wald. Es ist keine monotone Forstfläche.
   Ein gut funktionierendes Fuß- und Radwege-Netz  erschließt das Gebiet.
   Den Höhepunkt bildet der „Spiralenberg“ mit der „Großen Treppe“, auch „Himmelstreppe“ genannt,  mit einer gigantischen Plastik aus Abbruch-Stücken der historischen Zeche. Es gibt einen Blick über 100 Halden.
   Unweit steht, auf Essener Territorium, die Anhöhe des Mechtenberges. Es entstand ein Mythos: „Zwei Berge“.
2011 gab es das „Internationale Jahr der Wälder.“

   Der Industrie-Wald hat viele Möglichkeiten für die Erholung. Wandern. Radfahren. Mountain Biking.

   Es ist ein ungeplanter Prozeß. Eine Waldrutsche ist entstanden  – ein 15 m hoher Steilabbruch. Urbaner Artenreichtum.  Vielfalt der Pflanzenarten. Extreme Standort-Bedingungen fördern fördern die Verbreitung von ursprünglich nicht heimischen Pflanzen. Aber nur wenigen Eingeschleppten gelingt es, zu bleiben. Trotzdem entstehen kleine botanische Gärten. Rhein-Elbe ist ein Rückzugsgebiet für Pflanzen und Tiere.

   IBA-Intendant Karl Ganser engagierte den Landschafts-Künstler Herrman Prigann (1936-2008) für das Projekt „Skulpturenwald“.  Zu einer Ausstellung in der Forststation entstand das Katalog-Buch „Rheinelbe – Art in Nature“.

04.03.2012 19:17 Alter: 5 yrs

Durchgrünte Ruhrregion: Industriewald

Von: Robert Bosshard

Im Rahmen des Rückbaus der zurückgelassenen Altlasten und mittels Reanimation der lahm gelegten Werksgelände, kann man für die Region ein umweltfreundliches und gleichzeitig entspannt naturnahes Wohnumfeld realisieren. Industriewald, der die Ruhr-Region durchgrünt.

Industriewald in Dortmund-Huckarde

   Völlig klar, in der Folge des Zusammenbruchs der die Region 200 Jahre lang überlastenden Montanindustrie wird nun endlich ein neuer Zugang zur Kulturhauptstadt Ruhr und der sie prägenden Natur frei. Denn das durch die vorausgegangene Zersiedlung bereits jetzt wieder sympathisch diffus durchgrünte Ruhrgebiet macht, wie zur Belohnung für die zuvor erzwungenen Strapazen, wieder möglich, im Rahmen des Rückbaus der zurückgelassenen Altlasten und mittels Reanimation der lahm gelegten Werksgelände, auf einmal ein für die gesamte Region umweltfreundliches und gleichzeitig entspannt naturnahes Wohnumfeld zu planen und zu realisieren.

   Der panische Konjunktursturm der vergangenen Jahrzehnte, ausgelöst durch eine neoliberal begründete hysterische Kapitalflucht in so genannte Schwellenländer, welcher katastrophale Verwüstungen hinterließ und die härtesten in der Region je vorstellbaren Massenentlassungen erzwungen hatte, ist mittlerweile Geschichte. Und nun, jetzt, nach dem abschließenden Feuerwerk der Hauptstadtkulturprotze und deren großen Gesten, da können endlich die Investitionsströme zur Wiederbelebung der durch die Politik der vergangenen Jahrzehnten in die Schuldenfalle getriebenen Kommunen wieder in sozial kontrollierbare und materiell realistische Kanäle gelenkt werden.

   Es geht um die basiskulturelle Erneuerung der gesamten Region, was natürlich niemals von heute auf morgen passieren kann; jeder politische Paradigmenwechsel muss als Prozess begriffen, muss über Generationen reflektierbar und am kleinsten konkreten Schritt gemessen werden: So wurde beispielsweise vor Jahren schon unter Anleitung kompetenter im Revier tätiger Förster der Verein „Industriewald e.V.“ gegründet, um die unzähligen, nach dem gnadenlosen Verschwinden des Kapitals und damit der Produktionsmittel der Schwerindustrie verwüstet und brach liegen gelassenen, aber nun bereits wieder in erster Generation von Pionierpflanzen dicht bewachsenen ehemaligen Werksgelände, von den betroffenen Stadtverwaltungen als innerstädtische Waldgebiete ausloben zu lassen.

   Das Ziel dieser Bürgerinitiative ist, im Rahmen des „Rückbaus“ der zuvor völlig überlasteten Landschaft, also zur Entlastung der neu zu strukturierenden Siedlungsgebiete durch einen sich durch den gesamten Ballungsraum hindurchziehenden Wald zu bereichern.

   Nicht nur, dass mit dieser Entwicklung unter Einsatz erstaunlich geringer Kosten eine sich selbst generierende regionale Klimastabilisierung und Landschaftsvielfalt angesprochen wird, vielmehr ist damit in erster Linie ein hoch komplexes urbanes Modell, ein Stadtentwicklungsprojekt für sämtliche europaweit unter dem postschwerindustriellen Strukturwandel leidenden Regionen angeregt worden.

   Diese das Gesicht des Reviers völlig neu definierende Initiative ist tatsächlich ganz einfach zum Erfolg zu bringen: Es müssen bloß die verschiedenen Ruhrgebietsgemeinden überzeugt werden, in ihren Flächennutzungsplänen nicht jedes noch unbebaute Gelände schatzmeisterlich gewinnbringend als Gewerbe- oder Wohngebiet auszuzeichnen, und auch nicht jedes wilde Grün ordnungsamtlich zu bändigen, indem es zur Parkanlage erklärt wird, sondern überkommunal koordiniert auf diesen vormaligen Industriegeländen innerstädtische Waldgebiete (Wald im Sinne des Gesetzes, BWaldG von 2010) auszuweisen, die darin gültig werdenden Nutzungsrechte dem Wohnumfeld entsprechend abzuwägen, und unter Einbeziehung des Naturschutzes dem Zuständigkeitsbereich der Forstämter zuzuordnen.

   Und schon werden in den ersten derartigen Angeboten völlig neue, äußerst komplexe, auch informelle, die Kreativität herausfordernde Nutzungsperspektiven sichtbar. Sie erinnern zunächst an ein „früheres“, vielleicht dysfunktional ländliches, eben für Kinder und Jugendliche abenteuerliches, für Ältere erholsames naturnahes Landschaftsangebot, aber in bewusster Gestaltung als unterdeterminierte Frei- und Stadträume könnten sie ähnlich den Londoner Common Greens auch völlig neuartige Stadtqualitäten entwickeln.

   Natürlich macht es die Werbetrommel der vom Konsummarkt finanzierten Massenmedien nicht leicht, die potenziellen Nutzer, die konkret und lokal am Industriewald lebenden Bewohner und deren Schulen, für diese Idee der Wiederverwilderung des unmittelbaren Wohnumfelds zu gewinnen, sie über das jedem partiellen Kontrollverlust immanente emanzipatorische Potenzial aufzuklären, ihnen, entgegen der von des Versicherungsanstalten suggerierten gewaltigen Bedrohungspotenzials außerhalb der videoüberwachten öffentlichen Zonen, zu beweisen, wie angstfrei bei respektvollem Umgang und umsichtiger Pflege man auch im innerstädtischen Raum die Natur regieren lassen kann.

   Was für ein Chance für die zukünftige Provinz Ruhr, wenn hier der Mythos Wald aktuell neu und lustvoll als Herausforderung besetzt und kulturell integriert werden kann, sei es als von Neugierde und Kenntnissen getragene Erlebniswelt oder organisiert zur naturnahen Begegnung.

   Wird aber endlich der Industriewald als neues städtisches Element allgemein akzeptiert werden, so kann bald schon dieses regionaltypische Wohnen zu einer zentralen Attraktion des Lebensraums an der Ruhr werden, wird damit auch seine Bevölkerung davor geschützt, auf  der Flucht aufs Land sich verlieren zu müssen, um Natur zu erleben. Wunderbar, wenn man so dem stadtplanerischen Ideal näher kommt, die abgebrühte Kulturrhetorik modernistischer Meinungsführer dialektisch mit der rohen Naturerotik intimer Kulturerlebnisse in Beziehung zu bringen.

   Aber zu allererst muss man sich „natürlich“ mit den abstrakten und globalen, also von weit her geholten finanzsystematischen Einwürfen herumschlagen.

   Immerhin gehört die Mehrzahl der frisch bewaldeten Landschaftsepisoden der Region gar nicht den Kommunen. So hat beispielsweise der Konzern Ruhrkohle AG auf seinem Gelände hinter Schacht 2 der aufgegebenen Zeche Hugo in Gelsenkirchen-Buer, hochgerüstet mittels Gefälligkeitsgutachten und durch Lobbyvertreter abgesichert, den inmitten lebendiger und durch komfortable Sanierungen aufgewerteten Wohngebieten liegenden wiederverwilderten Industriewald am Rand des Freizeitparks Rungenberghalde in diesen Tagen gerade rüde gerodet, um an dessen Stelle einen so genannten Biomassepark zu installieren.

   Darunter wird eine hochspezialisierte Gehölzzucht verstanden, in der zu extrem schnellem Wachstum manipuliertes Naturmaterial rein maschinell und voll automatisiert zu einer Kurzumtriebs-Plantage zusammengefasst wird. Mittels einer derart maximal verdichteten Bepflanzung im Labor hergerichteter baumartiger Gewächse mit hohem Stockaustrieb zwecks routinemäßigen Kahlschlags alle vier bis acht Jahre, soll ein am Rand dieser Zucht zu bauendes Kleinkraftwerk befeuert werden.

   Obwohl diese Investition weder stadtplanerisch noch aus klimatischen Gründen auf dieses inmitten städtischer Wohnsiedlungen liegende Gelände gehört, und auch für eine derartige Energieproduktionsstätte objektiv viel zu klein ist (22 ha, das heißt, es wird zur Auslastung des Kraftwerks massiv Holz angeliefert werden müssen), wird das Unternehmen von der Landesregierung als Pilotprojekt für alternative Energiegewinnung gefeiert und subventioniert (und das unter seiner Schuldenlast erblindete Gelsenkirchen scheint froh zu sein, dass in der Stadt überhaupt noch etwas passiert).

   Warum aber gerade hier, wo doch erst noch ein vielfältiges Biotop sich erfolgreich gegen die Unbill des verseuchten Bodens zu behaupten begonnen hatte?
In der Außendarstellung wird gesagt, vor dem Hintergrund des Atomausstiegs sei dies ein viel versprechendes Vorhaben zur Einführung erneuerbarer Energien in das Geschäftsmodell der frisch ergrünten Ruhrkohle AG.

   Nach innen hingegen wird argumentiert, das Aktiengesetz würde den Vorstand verpflichten, aus seinem Betriebsvermögen den maximalen Gewinn zu erwirtschaften, natürlich auch unter Einwerbung öffentlicher Subventionen, sprich Steuergeldern. Das war’s: der Biomassepark wird voller Macht realisiert, exakt nach der Methode, wie zum Beispiel in Äthiopien, unterstützt von Weltbank und Regierung, legitimiert durch den erwirtschafteten Gewinn, fremdfinanzierte Agrargroßkonzerne den Bewohnern ihr Land wegnehmen, Wälder abbrennen und die hungernden Einwohner in provisorische Notunterkünfte vertreiben, so funktioniert nun mal das etablierte Finanzsystem.

   Oder gibt es, zum Schutz vor derartigen Fehlentwicklungen, als Grundrecht nicht auch einen gemeinnützigen Zugriff qua Enteignung? Oft geltend gemacht bei Autobahnneubauten, Schnellbahntrassen und Cityerweiterungen zwecks Sanierung von Infrastrukturen? Warum also nicht auch zugunsten des Industriewalds Ruhr? Für jenes zusammenhängende Waldstück, welches sich bis zu 50 Kilometer lang als Patchwork durchs Mittelland des postschwerindustriellen Ballungsraums mit fünf bis sechs Millionen Einwohnern ziehen könnte?

   Es müsste im Namen der Erneuerung des vormals industriell belasteten Wohnumfelds geschehen, also explizit zugunsten der Wohnbevölkerung, betont verbunden mit Natur- und Artenschutz, pädagogischen Programmen, Erholungsangeboten und systematischen Messungen der Stadtklimata.

   Der Vorstand der RAG könnte im Rahmen der Enteignung den Freiraum um Schacht Hugo profitlos der Wiederverwilderung überlassen, ohne sich eines Gesetzesbruchs schuldig zu machen, auch wenn das, nun vernünftig ausgelobte Gelände, für den Konzern nur noch den Preis einer naturgeschützten Brache realisierte.

   Tatsächlich, auch in diesem Fall kann das Geschehen nicht dem anonym gesteuerten Marktgeschehen überlassen werden, sondern ruft nach konkret verantworteter Politik, von Ortsteil zu Ortsteil nach dem öffentlichen Kampf für eine bevölkerungs- und naturnahe Sanierung der Agglomeration der so wunderbar unterschiedlichen und doch miteinander verbundenen Kulturstädte der Ruhrregion.


Industriewald - betriebswirtschaftlich gesehen? - eine Farce (von Roland Günter)

Plastik von Hermann Prigann

   In den letzten 30 Jahren hat sich wie eine Pest eine Hype-Ökonomie über das Land gesenkt. Das ist ein betriebswirtschaftlich völlig überdrehtes Nutzen-Denken. Die Wahn-Vorstellung, daß man alles und jedes bis in den letzten Winkel in Zahlen fassen kann und daß es sich betriebswirtschaftlich rentieren muß.

   Jetzt hat dieser Wahn, der sich wie ein neuer allgültiger Glaube ausgibt, auch den Industriewald erfaßt. Die Landesregierung verfügte: Es sollen alle Werte dieses eigentümlichen Waldes in Geld beziffert werden. Daran knüpft sich die Forderung, dieser Wald müsse sich ebenso rechnen wie der Verkauf von Seife oder von Autos.
   Die Behörden, die von dieser Pest angesteckt sind und es dadurch schwer haben, klare Gedanken zu fassen, sagen, sie hätten Verwaltungsaufwand  für den Industriewald. Und im übrigen müsse alles, was jemand besitzt, nützlich sein, das heißt: nach der Vorstellung der Verkaufbarkeit etwas aufbringen.
   Dafür fehlt im Industriewald jedes vernünftige Argument.
   Erstens ist das Gelände von der Industrie ausgenutzt. Sie hat jegliche Nutzung darauf beendet und sich zurückgezogen. Wenn sie damit etwas anfangen könnte, hätte sie es längst getan.
   Das Gelände ist ein Musterbeispiel dafür, daß es auf der Welt auch noch etwas gibt, was sich im betriebswirtschaftlichen Sinn nicht nutzen läßt. Wenn die Behörden dies versuchen würden,  könnte man mit Sicherheit das Scheitern voraus sagen.
   Da ist also nichts Betriebswirtschaftliches zu holen.


Das Gelände hat einige gute Menschen gefunden, die ihm jenseits der Betriebswirtschaft etwas abgewinnen.
   Betriebswirtschaft zählt zu den beschränktesten Vorstellungen, die es in dieser Welt gibt. Sie wurde reduziert auf Verkauf und Gewinn. Dies müßte nicht so sein. Aber Betriebswirtschaft  ist zu einer Ideologie gemacht worden: der verengte Blick mit den Eurozeichen in den Augen sieht und wertet nur den Gewinn, den man mit einer Sache machen kann. Aber nicht mit allem läßt sich Gewinn machen. Nicht mit einem betriebswirtschaftlich  ausgenutzten Stück Land.
   Es liegt schon lange Zeit brach. Niemand aus der Wirtschaft interessiert sich dafür. Im Boden liegen oft Gifte. Man müßte sie entsorgen – das kostet Geld, das kaum jemand hat. Oft ist es auch unmöglich.  
Erst dachte man, daß darauf kein Gras mehr wächst. Irrtum. Die gewaltige  Natur hat dieses Gelände in Besitz genommen. Sie läßt aus allen Ritzen etwas  sprießen. Es wächst und wächst. Erst sieht es aus wie Unkraut. Dann werden daraus Büsche – es entsteht so etwas wie eine Savanne. Und im dritten Schritt entsteht Wald. Dies ist alles sehr vielfältig.
   Hinzu kommt, daß es allerlei Tiere anlockt, die sich hier einnisten. Sie tun dies um so lieber, weil sie merken, daß sich der Nutzungs-Wahn von Menschen nicht darauf stürzt, sondern sie erstmal in Ruhe läßt.
   Diese Vielfalt lockt Menschen. Die ersten sind meist Jugendliche. Sie finden hier Rückzugs-Orte, wo sie dem Wahn einer verbreiteten  verengten Überzivilisierung zeitweilig entkommen können. Gelände zum Entkommen – in einer akzeptablen Weise. Kinder kommen hinzu, die hier entdecken. Andere entwickeln Spiele. Man könnte in einem Buch beschreiben, was sich auf dem zunächst nutzlosen Gelände an Nutzen entsteht.
   Wenn man also vom Nutzen spricht, kann man das Wort hier in seiner semantischen Komplexität erfahren. Aber will man für jedes Kinderspiel Eintritt verlangen. Wir können an diesem Beispiel erkennen, wie absurd es ist, alle menschlichen Werte in Ziffern und Geld umzurechnen.
   Es gibt also Bereiche, die sich dem Wirtschaftlichen entziehen. 


Aktionen:

Die Europäische Kommission hat 2012 zum »Europäischen Jahr des Wassers« erklärt. Grund genug für eine symbolische Aktivität, 1000 lippische Bachforellen finden unter der Schirmherrschaft von Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien Frau Dr. Angelika Schwall-Düren ein neues Zuhause in der Ruhr.

Weitere informationen


Der Verein pflanzte 2011 mit einer Schulkasse junge Buchen auf einer Fläche in der Nähe des Umweltzentrums Haus Ripshorst in Oberhausen. Die Buchen wurden gestiftet vom Lippischen Landesverband.

Buch-Tipp

 

Industrie-Wald und
Landschafts-Kunst
im Ruhrgebiet


Von:
Janne Günter (Autor),
Roland Günter (Autor),
Peter Liedtke (Fotograf)

Essen 2007,
Broschiert: 432 Seiten
Klartext-Verlag
ISBN 9783898615945
19,90 Euro


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