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NEUNUTZUNG STATT ABRISS!
Ein Nachruf auf den Amsterdamer Pionier Joop van Stigt

Von Reinhold F. Bertlein

Wer die niederländische Hauptstadt Amsterdam besucht, der ist noch immer fasziniert von diesem grandiosen Ensemble an jahrhundertealter Baukunst, ganz gewiß wenn man den Anblick wirtschaftswunderlicher Nachkriegsarchitektur unserer Innenstädte gewohnt ist. Doch nicht nur den Krieg als Fortsetzung von Baupolitik mit anderen Mitteln gilt es, dingfest zu machen, oftmals ist auch die Ignoranz der Verantwortlichen Schuld an der oft beklagten Unwirtlichkeit unserer städtischen Zentren, um von den Peripherien noch zu schweigen. Auch in „der Hauptstadt des weißen Vaterlands der Besitzenden“ – wie die Amsterdamer Provo’s die niederländische Hauptstadt einst nannten – ist dies kaum anders. Auch hier gelten die Mechanismen, die schon im 19. Jahrhundert wie folgt beschrieben wurden: „Die Ausdehnung der modernen großen Städte gibt in gewissen, besonders in den zentral gelegenen Strichen derselben dem Grund und Boden einen künstlichen, oft kolossal steigenden Wert; die darauf errichteten Gebäude, statt diesen Wert zu erhöhen, drücken ihn viel mehr herab, weil sie den veränderten Verhältnissen nicht mehr entsprechen; man reißt sie nieder und ersetzt sie durch andere…“ 1  Dem Zeugen dieses Systemmechanismus bietet sich die folgende Bildreihe: erst sieht man Bürgerinitiativen mit Argumenten, aber ohne das Geld die Bausubstanzen zu retten. Die Gebäude verwahrlosen. Dann erfolgt der Abriß und oft jahrelang brach liegende Freiflächen nach dem Gewalteingriff, schließlich entsteht ‚rentabler’ Neubau an dieser Stelle, der zumeist per definitionem weniger interessant ist. Als einer der wenigen, als einsamer Rufer in der Wüste, aber auch als Robin Hood des Bauwesens, als Pionier des Denkmalschutzes und der Neunutzung alter Gebäude, stemmte sich Joop van Stigt gegen diesen oft als unvermeidlich angesehenen Prozess. 

Wer wie der Autor täglich durch Amsterdam fährt, kann seine vor dem Abriß geretteten Gebäude, Häuser und Baukomplexe sehen: Cuypers Vondelkirche aus dem 19. Jahrhundert, 1985 zum modernen Büro geworden, der Zollfreihafen Entrepotdok, Europas längste Reihe von Speicherhäusern, umgewandelt in einen Komplex mit 400 Wohnungen und 100 Betrieben und Firmen, das Kühllagerhaus De Zwijger, heute Zentrum für alte und neue Medien, selbst das Olympiastadion von Wils aus dem Jahre 1928 sowie (in Rotterdam) das stolze Groothandelsgebouw aus der Nachkriegszeit 

– allen diesen Architekturmonumenten (und deren Nutzer) schenkte er ein (zweites) Leben. Joop van Stigt’s Credo lautet denn auch: Abriß ist allemal teurer als Neubau! 

Dies würde zumeist vertuscht, denn würde man die Kosten für Abriß, den Leerstand sowie das baureif machen des Geländes durchrechnen, würde sich herausstellen, dass die Kosten weitaus höher lägen. Doch zumeist würden diese Kosten aus anderen (städtischen) Budgets aufgebracht, sie tauchen in der Bausumme denn auch nicht auf,  und man könne so tun, als ob Neubau immer preisgünstiger sei! Doch dem „schlechtesten Architekten der Niederlande – für die Baulöwen“ konnte man nichts vormachen. Seine Prinzipienfestigkeit verband sich mit handwerklicher Expertise. 

Wie Rietveld und Duiker lernte Joop van Stigt von der Pike auf: in der Praxis als Zimmermann und dann an der im Gegensatz zur TU Delft praxisorientierten Academie voor Bouwkunst in Amsterdam. Die Folge: ein breites handwerkliches Wissen. Dieses ‚Wissen’ ist in der Ausbildung und bei den meisten Architekten heutzutage nicht mehr vorhanden. Doch gerade dieses Wissen ist nötig, um die praktischen Probleme zu lösen, die sich bei Umbauprojekten vortun. Ein Adagium des Funktionalismus lautete einst: „Form follows Function2.  Joop van Stigt und sein Sohn André kommen bei ihren Projekten oft zu dem Umkehrschluss: Function follows Form ! In der Fachwelt wurde auf die Pioniere der Wiedernutzung oft herabgesehen. Wenn man schon keine Neubauten schuf, dann wollte man im äußersten Fall restaurieren und das ließ man sich gut bezahlen. Während der Periode von Jan Schaefer (dessen Motto: „In gelul kun je niet wonen“, zu deutsch: In Geschwätz kann man nicht wohnen!“) wurde der Unterschied zwischen Restauration und Renovation untersucht: Kosten, Fachkenntnis, Einsatz, notwendige Zeit etc.. Am Ende stellte sich heraus, dass der einzige Unterschied in der Honorierung des Architekten bestand: bei einer Restauration „verdiente“ dieser rund drei mal so viel wie bei einer Renovation (Erhalt und Wiedernutzung). Doch Joop van Stigt sollte sich gerade für Letzteres einsetzen – sein Leben lang. Er wollte die historische architektonische und städtebaukundige Kontinuität bewahren. Und er konnte geradezu über die Qualität bestehender Bauwerke –aus welcher Periode auch immer – ins Schwärmen geraten. So sei die Detaillierung notwendigerweise sorgfältiger gewesen als heutzutage, denn Handarbeit sei billig gewesen, eine Dekoration mithin bezahlbar. Das Material oft von viel höherer Qualität, beispielsweise kamen feine Holzsorten oder Naturstein zur Anwendung. 

Über die Entwicklung seines Berufsstandes war Joop van Stigt bis zuletzt wenig optimistisch: eine der größten Gefahren seines Berufsstandes sah er – daran seien die Architekten selber auch nicht unschuldig gewesen – an der Position, die der Architekt heutzutage bei Projekten einnehme. Denn in einer Zeit ungezügelten Konsumismus und Verschwendungssucht strebe man danach, gerade beim Architekten einzusparen. 

Doch für ihn gehöre es zu den wichtigsten Aufgaben eines Architekten, die Ausführung des Bauprozesses zu begleiten, die sogenannte Direktionsführung. Der Bauunternehmer jedoch denkt: das kann ich selber! Und wenn er dann am Ende seines Lateins angelangt ist, holt er sich gegen hohe Kosten bei einem Managementbüro Rat. Joop van Stigt in einem Interview3: „Das sind oft Leute, die aus ihrer Not eine Tugend machen und erinnern mich an ein Lied von Jaap Fischer: ‚Unser Jan wurde Manager. Arbeiten fiel ihm meistens schwer – jetzt erzählt er anderen, was sie tun müssen!“

Sein Büro habe bei allen Projekten gefordert, dass sie alle anfallenden Aufgaben des Architekten liefern, einschließlich der Bauzeichnungen und der Direktionsführung „vor Ort“. Denn es sei notwendig, bei solchen komplexen Bauprojekten alle Aspekte zu überblicken, sonst käme man nicht zu den entsprechenden Lösungen oder man käme nur auf überteuerte Lösungen und dann würden am Ende doch die Gebäude abgerissen, die man eigentlich erhalten wollte. Zudem: in dieser Rolle käme man auch mit den zukünftigen Nutzern in Kontakt, könne sich mit deren Wünschen und Fragen beschäftigen. Joop van Stigt: „Im Krankenhaus nicht nur mit dem wirtschaftlichen Direktor und den Doktoren, sonder auch (eben gerade) mit Patienten und Krankenschwestern. Bei Büros nicht nur mit den Leuten hinter den Computern, sondern auch mit den Putzkolonnen, den Boten und dem „Kaffeefräulein“. Bei der Wohnung nicht nur mit dem Mann oder der Frau, die dafür bezahlt, sondern auch mit der Person, die den Abwasch tut.“ 

Mit dieser Haltung haben Joop und Andre van Stigt nicht nur Preise bekommen –wie den Europa Nostra Preis für ihr Entrepotdok (siehe Foto) – sondern auch einen Trend gesetzt: die Konvertierung des industriellen Erbes, von Hafengebieten, ehemaligen Kirchen, Krankenhäusern und Kasernen. Einen Bewusstseins-Trend, das es gilt das soziale und physische Gewebe einer Stadt zu erhalten, der Kapitalvernichtung und allen postmodernen Humbug zum Trotz!

 

1 Friedrich Engels, Zur Wohnungsfrage, MEW Band 18, Seite 215

Ausspruch von Sullivan, dem Lehrmeister von Frank Lloyd Wright. 

3 Egbert Koster: Een ouderwetse bouwmeester in: PropertyNLmagazine Nr.1, Januar 2005


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