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Ehrenmitglieder des Deutschen Werkbund NW

Leitmotivisch: Ehren-Mitglieder Der Werkbund NRW hat eine Anzahl Personen zu Ehren-Mitgliedern berufen, die leitmotivisch für ein wichtiges Thema stehen: Für die Rettung von Bauten und Bereichen der Industrie-Kultur: Helmut Bönninghausen, Ideengeber und Direktor des dezentralisierten Westfälischen Industriemuseums in Dortmund. Um einer weithin unterbewerteten Kultur des Lichtes ein Leitbild zu setzen: den Lichtgestalter Johannes Dinnebier. Als aufrechte intelligente Streiterin für ökologischen Umgang mit der Welt die Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Bärbel Höhn. Für ein Lebenswerk qualitativ vorzüglichen Entwerfens als Stadtbaumeister: Bernhard Küppers (†) in Bottrop. Für einen unorthodoxen und höchst anregenden Umgang mit der Natur als Landschafts-Gestalter, -Bildhauer, -Architekt:Louis Le Roy (†) (Herenveen, Niederlande). Für eine qualitativ höchstentwickelte Architektur-Kritik: Prof. Dr. Wolfgang Pehnt. Für eine reflektierte Landschafts-Kunst: Herman Prigann (†). Für eine Epoche bedeutender Nachkriegs-Bauten: Hans Schilling (†). Für ein Lebenswerk als Werkbund-Architektin: Maria Schwarz. Für die historische Tradition deutsch-niederländischer Bezüge: Andries van Wijngaarden in Rotterdam. Für ein Lebenswerk als subtile und einfallsreiche Stadtplanerin:Marlene Zlonicky (†). Der wichtigste Städtebau-Minister, den die Republik jemals hatte: Prof. Dr. Christoph Zöpel. Für eine Stadtentwicklung, die mutig und konsequent von Qualität bestimmt ist, durchgearbeitet in Maastricht: Hans Hoorn. Für seinen städtebaulichen Weitblick und regionale Projektierung in der Internationalen Bauausstellung Emscherpark: Prof. Dr. Dr. hc Karl Ganser. Für seinen Einsatz zur Würdigung mehrere Stätten und sein Engagement zu deren Aufname in die Liste Welterbestätten: Prof. Dr. Reinhard Roseneck (†). Für ökologisch durchdachte, natur- und menschenfreundliche Architektur: Prof. Erich Schneider-Wessling;
Die Ehren-Mitgliedschaft ist weit mehr als ein Denkmal: Sie setzt Zeichen, sie zeigt Orientierungen, sie zeigt gelebte Werte. Niemand der hat ein leichtes Leben gehabt. Wir ehren keinen einzigen als Frühstücks-Direktor, sondern als eine Person, die mit großem Engagement, Intelligenz, Gestaltungs-Kraft viele Widerstände überwand und das Bestmögliche in ihrer Zeit aus ihrem Leben machte. Als ein Beispiel dafür, wie man Beispiele setzen kann, erinnere ich auch an die Alternative Ehrenbürgerschaft in Köln, in der eine nichtetablierte aufgeklärte Szene Zeichen setzte. Zuletzt wurde sie einem außergewöhnlichen Pfarrer zugesprochen.

Hans Hoorn

2003: Maastricht - Stadt-Entwicklung durch Qualität

Wir beklagen in unserem Land mehrere Wellen der Zerstörungen. Und wir regen uns auf darüber, daß die Moderne nicht hält, was sie verspricht. Wir sehen, wie in 50 Jahren die alten Städte aufgelöst wurden und Vorstädte als ein Durcheinander entstanden. Wir sind gepeinigt vom Kraut-und-Rüben-Prinzip der Planungen. Zwar wurden oft Künstler-Architekten gerufen – aber sie präsentierten uns häufig Egomanien, denen es egal ist, ob etwas einen Zusammenhang mit Vorhandenem hat. Dann machten uns Sophisten weis, alles sei ja so subjektiv – und wir wären Leute, die nichts verstehen. Schließlich wurde behauptet, alles sei möglich. Nach einigen Jahren sahen wir: Unsere Städte sind voll von langweiligen Investoren-Bauten. Wo immer Investoren aufkreuzten, erblindeten Politiker und Verwalter: Sie warfen sich jedem zu Füßen, der ihnen irgendein Heil versprach.
Aber 30 km westlich von Aachen gibt es ein Beispiel für einen ganz anderen Weg. Maastricht, eine Stadt mit 120.000 Einwohnern, war vor fünfzehn Jahren eine kleine graue heruntergekommene Maus. Da nahm Hans Hoorn in der Stadtentwicklungs-Abteilung das Heft in die Hand – er gewann seine Politiker und Verwalter mit dem Satz: Nur Qualität hilft uns nach vorn. Fortan akzeptierten sie nur noch Qualität.
Das war eine ›Kopernikanische Wende‹ in der Stadtplanung. Das hart erarbeitete intelligente Ergebnis erhielt verdienten Lohn: In den Niederlanden gilt Maastricht als die beste Stadt – vor Amsterdam und Rotterdam.
»Wie hat Hans Hoorn das gemacht?«, diskutieren Leute aus dem Rheinland, die sich im Werkbund seit dessen Gründung 1907 das gleiche Stichwort auf die Fahne geschrieben haben. Fasziniert erleben sie einen Planer, der Werte hat, sie gut begründen kann, dazu steht und sie begeistert durchsetzt. Er und seine Leute haben das Rückgrat, sich nicht jedem Investor zu Füßen zu werfen, sondern auch ›Nein‹ sagen zu können, wenn er mit den üblichen Zumutungen kommt. Die von Hans Hoorn geleitete Stadtgestaltungs-Kommission lehnte 40 Prozent aller Bauanträge ab: wegen Mangel an Qualität. Es durfte nachgebessert werden – aber das »Maastricht-Kriterium« hieß für jeden unumstößlich: Qualität.
Dieses Stichwort gilt für die Altstadt wie für die suburbanen Bereiche. Nicht mehr das Geschrei der Reklame bestimmt die Straßen, sondern die Architektur. Und siehe da: Eine zurück dimensionierte Werbung ist besser wahrnehmbar, weil die Werbungen sich nicht mehr gegenseitig die Wirkung nehmen. In »schwachen Gebieten« wurden kleine Bereiche mit Szenerien entwickelt: ohne Lautstärke, überraschend, menschlich, aufhaltsam, zugleich wohnlich und öffentlich. Drittens: Auf einer Industrie-Brache entstand eine Neustadt – vom Feinsten an Disposition, Details, Räumen, Plätzen.
Maastricht zeigt, daß Qualität sich lohnt: alle haben etwas von Menschlichkeit, Vernunft, Zusammenhang, Atmosphäre. Man kann das auch Investoren klar machen – wenn man den aufrechten Gang trainiert. Maastricht ist nicht weit und kann überall sein.
Der Werkbund NW ernennt Hans Hoorn im Jahr 2008 zum Ehren-Mitglied.

Hans Hoorn in Diskussionen mit deutschen Werkbund-Leuten über seine subtile Planung für seine Stadt Maastricht.

Helmut Bönninghausen

Zu den Menschen in diesem Land, die nie Aufhebens von sich gemacht haben, gehört Helmut Bönninghausen. Er studierte Architektur und ging zur Denkmalpflege nach Münster. Dort gehörte er zu den ersten drei, die in Deutschland die Industrie-Kultur entdeckten. In den 1970er Jahren war er der erfolgreichste deutsche Denkmalpfleger. Er stellte die ersten Objekte der Industrie-Kultur unter Schutz. Dies begann mit der Zeche Zollern 2/4 in Dortmund-Bövinghausen mit seinem berühmten Maschinenhaus von Bruno Möhring - seinerzeit die erste spektakuläre Aktion zur Erhaltung einer industriekulturellen Anlage. Eine weitere Pionier-Leistung: Er brachte er über 50 Siedlungen unter Schutz. Abends saß er in Jeans bei den Bürgerinitiativen, am nächsten Morgen ging er mit einem guten Anzug zu den Ämtern und deklarierte: Denkmalschutz. So hat er einen gewaltigen Anteil an der Rettung von rund 1.000 Siedlungen im Ruhrgebiet, die teilweise ausgedehnte Garten-Städte sind. In ihnen spiegelt sich die Wohnungs-Reform vom Anfang des Jahrhunderts - also eines der Gründungs-Probleme des Deutschen Werkbunds. Er hatte eine geniale Idee für sehr schwierige Objekte - an der Schnittstelle von Denkmalschutz und Museum: das dezentrale Industriemuseum. So entstand das Westfälische Industriemuseum mit 8 Schau-Plätzen. Kurz danach folgte das Rheinische Industriemuseum. Beide sind inzwischen auf dem Kontinent führend. Dahinter steckt eine ganz außerordentliche Leistung, auf die das Land Nordrhein-Westfalen besonders stolz sein kann. Dieses Netz-Werk an Museen ist innerhalb des Territoriums der Landschafts-Verbände Westfalen und Rheinland inzwischen eine äußerst wirksame gesellschaftliche Infrastruktur geworden, vor allem für die kulturellen Aufgaben, die die Landschaftsverbände nach Tradition und Gesetz haben. Dieses Netz-Werk zählt zu den stärksten Argumenten ihrer Legitimation, die immer wieder in die Diskussion gerät. Für das Land bilden sie eine umfangreiche kulturelle Infrastruktur. Sie sind auch als Veranstaltungs-Stätten wichtig - von der Soziokultur bis zur Hochkultur.   Helmut Bönninghausen ist der Organisator, der subtil die Fäden knüpft und zusammen hält. Industrie-Kultur und Werkbund stehen in engstem Zusammenhang. Der Werkbund entstand als eine Aufgabe der Industrie-Kultur.

Johannes Dinnebier

Johannes Dinnebier ist ein Tiftler, ohne irgendeine Ausbildung. Schuster, Gerber, Mauleseltreiber, Barmann, Kellner, Delikatessenladen. Als Lampen-Verkäufer, kam er auf die Idee, selbst mit Licht zu gestalten und entwarf Beleuchtungs-Körper, die er dann in einer eigenen Firma produziert und vertreibt. Er hat als Lichtgestalter in der Nachkriegs-Zeit rund 2.000 Kirchen beleuchtet. Zusammenarbeit mit bedeutenden Architekten (Schwippert, Schneider-Esleben, Köngeter). Lichtstele auf der Weltausstellung in Montreal. Stadttheater Bonn, Opernhaus Dortmund, Bundeskanzleramt Bonn, Bahnhof Oberhausen. Er restaurierte mehrere historische Häuser: Haus Lüntenbeck in Wuppertal für seine Firma und die Bausmühle in Solingen-Wald als sein Wohnhaus, auch häufig Tagungs-Ort des Werkbunds. Nach dem Modell von Nancy Hönisch legte er darin zeitweilig eine Vorschule an. In Solingen-Grafrath wandelte er 1993 den Wasserturm in einen Lichtturm mit Arbeitsräumen für Experimente um. Dieser exponierte Lichtturm wurde in kürzester Zeit ein Wahrzeichen des Bergischen Landes. Licht hat mit Psychologie zu tun. Es geht nicht um Quantität, sondern um Qualität. Johannes Dinnebier ist ein Meister der Licht-Kultur.

Prof. Dr. Dr. h.c. Karl Ganser

Umsteuerung nannten 1981 die Leute im neuen Städtebauministerium von Nordrhein-Westfalen die entschiedenste Veränderung in der Bau-Politik, die es in diesem Bundesland jemals gab.

Die Kapitäne waren auch die Steuermänner: Karl Ganser als Abteilungsleiter und Christoph Zöpel als Minister.

Bürgerinitiativen im Ruhrgebiet, die für ihre Siedlungen kämpften, hatten seit 1975 die Landesregierung immerzu aufgefordert, ein Ministerium für Stadtentwicklung einzurichten. Sie solle Schluß machen mit einer Städtebau-Politik, deren Arbeit großmannssüchtig, zerstörerisch, bürgerfeindlich, mit ihren Verstrickungen geradezu mafiös und unglaublich teuer sei. Tatsächlich zerstörte sie viele schöne Altstädte und die Hälfte der Arbeiter-Siedlungen.

Christoph Zöpel war der neue politische Kopf, der mit Geschick durch das politische Dickicht steuerte, Karl Ganser der neue einzigartige Querdenker.

Karl Ganser, Jahrgang 1937, wuchs im bayrischen Schwaben im Voralpenland auf: im Dorf Breitenthal bei Krumbach auf einem Bauernhof. Zum Studium ging er nach München. An der Technischen Universität studiert er zunächst Biologie und Chemie. "Nachtfalter," erinnert er sich, "mußte ich züchten - in kleinsten Mengen für Duft-Stoffe. Die Kulturen sind mir ständig kaputtgegangen, weil da die Pilze reingekommen sind. Das hat mich geärgert, weil ich stets an die Massen von Schmetterlingen dachte. Dieses Studium wurde überlagert durch die ersten gesellschaftskritischen Anfeindungen. Da hab ich gesagt: Das ist kein Dasein im Labor - nichts wie fort. Und bin ich zu den Geographen gegangen - genauer: zu den Sozialgeographen. Im Gebäude arbeitete oben drüber der Städtebau. Da hat mich alles, gepackt, was Planung anbelangt."

Seine weitere Arbeit gestaltete er als andauernden fulminanten Ausbruch aus der Zunft-Orientierung der Wissenschaften - aus ihrer "Schubladisierung". Interdisziplinär verbandt schon seine Doktor-Arbeit (1964), eine Wahl-Analyse, die Soziologie, Politologie und Geographie.

Hinzu kam, daß er Wissenschaft auf das Handeln zu orientieren versuchte. Als Assistent und Dozent (1964/1967), gefördert von Prof. Dr. Wolfgang Hardtke, hielt er sozialwissenschaftlich orientierte "sehr motivierende Veranstaltungen für planungsorientierte Geographen" (Heiner Monheim). Er schuf Kontakte zur Praxis, in mehreren Städten. Beim Bonner Geographentag 1967 zeigte er die Ergebnisse: eine Art "Münchener Schule" in der Sozial- und Stadtgeographie.

Dies war ein Paradigmen-Wechsel: sowohl für die Geographie wie für die Planung. Karl Ganser brachte zwei Bereiche zusammen - mit weitreichenden Folgen. In der Rückschau läßt sich auch lernen: Es lohnt sich, im Kleinen zu beginnen.

Aus München kam der Impuls zur Reform in der deutschen Geographie (Deutscher Geographentag 1969 in Kiel u. a.). Karl Ganser profilierte die Geographie als eine Planungs-Disziplin. Weitsichtig setzte er auf Multiplikatoren: Er arbeitete zusammen mit Schul-Geographen.

1967 bis 1971 hatte er das Glück, am wichtigsten Punkt eines neuen Nachdenkens über Städtebau arbeiten zu können: im Stadtentwicklungs-Referat München, unter seinem Leiter Hubert Abreß. Es nutzte eine Chance: die Planung für die Olympiade 1972 so zu gestalten, daß sie Stadt strukturell nachhaltig entwickelte. Karl Ganser war Projekt-Leiter im Olympia- und Investitionsplanungsamt.

Von hier aus betreute er an der Hochschule auch weiterhin "ganze Projektfamilien von aktuellen Themen" - organisierte also Forschung, die zumeist nützlich in die Praxis einging. Über Habilitation (1970) und Honorar-Professur blieb er der Hochschule verbunden.

Er kooperierte auch mit den entstehenden Diskussions-Foren ("Münchner Forum") und den Bürger-Bewegungen zur Stadt- und Verkehrsplanung.

Gegen die Neigung zur Begrenztheit organisierte er ständig internationale Diskussion.

Aber aus dem aufschäumenden ideologischen Streit um abgehobene und folgenlose Oberbegriffe hielt sich der problemorientierte Karl Ganser strikt heraus - dies erleichterte ihm auch später die Arbeit.

1971 ging Karl Ganser nach Bonn: Das Außenministerium, damals zuständig für Raumordnung, berief ihn zum Chef des Bundes-Instituts für Landeskunde.

1972 nahm der neue Städtebauminister Hans Jochen Vogel Mitarbeiter aus dem Stadtentwicklungsreferat "im Gepäck" mit nach Bonn. In seinem Auftrag legte Karl Ganser die Raumordnung und die Landeskunde zur Bundesforschungsanstalt zusammen und strukturiert sie um - zur anwendungsorientierten Forschung: interdisziplinär, praxisorientiert, mit Pilot-Projekten, kritisch, mutig, kooperativ, publizistisch.

In den 1970er Jahren war Karl Ganser Mitgründer der Vereinigung der Stadt-, Regional- und Landesplaner (SRL).

1980 holte ihn Minister Christoph Zöpel ein Stück rheinabwärts - nach Düsseldorf: als Ministerialdirigent, d. h. als Abteilungsleiter, in das neugebildete Ministerium für Landes- und Stadtentwicklung NRW.

Auf Wanderungen entwickelten Christoph Zöpel und Karl Ganser ihre wichtigsten Ideen. Eine Dekade lang prägten sie direkt und weithin nachlaufend indirekt eine neue Städtebau-Politik im Bundesland Nordrhein-Westfalen - nie gab es Besseres in Deutschland. Sie nutzten Spielräume: für neue Ziele, Verfahren, Instrumente und Schwerpunkte. Ihre Strategie: Politik-Gestaltung über innovative Pilot-Projekte - und dies in einem Programm-Bündel.

Anstelle der zerstörerischen Tabula rasa-Politik entwickelten sie ein konstruktives Potential-Denken. Sie machten Schluß mit mastodontischen Großprojekten, an denen sich die Städte verhoben und die der Zorn von Bürgern entzündeten. Stattdessen förderten sie kleine Projekte - mit menschlichem, ökologischem, sozialem und kulturellem Anspruch. Zu dieser Politik gehörte es, auch auf Bürgerinitiativen einzugehen - zum ersten Mal in der Städtebau-Geschichte.

Im Land NRW war diese Politik das Ende der gigantischen inhaltsleeren Utopien, die sich als Innovationen ausgaben und wahnhafte Vorstellungen in Umlauf setzten - aber tatsächlich zu ungeheuren Zerstörungs-Prozessen führten. Sie wendeten sich ab von den verwaschenen Urban-Mythen von New York und Singapure und dem Science Fiktion vieler Architekten-Entwürfen.

Christoph Zöpel folgte vier einfachen Sätzen mit menschlichen Maximen: "Mehr Raum für Fußgänger, mehr Platz für Kinder, mehr Grün in der Stadt, alles lieber kleiner, als zu groß". Geschickt hielt er im schwierigen politischen Raum Karl Ganser und seinen Leuten den Rücken frei: für Problem-Lösungen. Die gut eingesetzte Waffe: Es gibt kein Staats-Geld mehr für Unsinn . . .

Karl Ganser und Christoph Zöpel organisierten ihr Ministerium in völlig neuer Weise: Sie holten sich motivierte Mitarbeiter, qualifizierten sie ständig durch einen offen diskutierenden und interdisziplinären Arbeits-Stil, "vernähten Töpfe". Dies war substantiell so gut fundiert, daß es mehrere Minister-Wechsel überlebte (1990 Kniola, 1995 Brusis, 2000 Vesper).

Karl Ganser arbeitete im Grunde mit seinen handfesten, subtilen, überprüfbaren Lebens-Erfahrungen im kleinen Voralpen-Dorf - was kaum jemand merkte.

Seine Arbeit spielte sich mehr draußen als drinnen ab. Für seine Mitarbeiter war er erreichbar von 7.30 Uhr bis 8.30 Uhr, dann machte er Termine, ab 9 Uhr war er unterwegs, oft bis in die Nacht.

Karl Ganser, Dreh- und Angelpunkt des Ministeriums, ließ sich nicht mehr bluffen: nicht von lokalen Behörden, nicht von politischer Lobby, nicht von der Architektur-Presse. Unerkannt, wie der Kalif von Bagdad, schaute er sich vor jedem Behörden-Termin das Terrain mit eigenen Augen an - dann schaffte es keiner mehr, ihn über den Tisch zu ziehen. Er forderte von Planern, die gewachsenen Ressourcen ernst zu nehmen und zu nutzen.

Wenige und kurze Sätze trafen den Punkt. Dann nagelte ein gut durchdachter Vorschlag. Falls nötig zeigte er kurz die Leine des finanzierenden Ministeriums. Er war Aufklärer mit Leidenschaft, Beweger und Moderator. Vor allem Quer-Denker. Und Imaginations-Arbeiter.

Er war der entscheidende Weichensteller, wo immer es in Konflikten zu einer stimmigen Lösung kam - in einer Kette der spannendsten Projekte: Wiederaufbau von Schloß Moyland für die Beuys-Sammlung van der Grinten. Rheinufer-Tunnel und Ufer-Gestaltung in Düsseldorf. Severinsviertel Köln. Besetzte Siedlung Gustavstraße in Oberhausen. Genossenschaft Rheinpreußen in Duisburg-Homberg. Rettung vieler Industrie-Denkmale. Museum Zinkhütterhof in Stolberg. Dezentrale Industriemuseen in Westfalen und im Rheinland. Ein Netz von soziokulturellen Zentren, u. a. Zeche Carl in Essen-Altenessen. Umorientierung des Straßen-Baues. Die LEG wurde humanisiert. Der Grundstücksfond Ruhrgebiet gut genutzt.

Das intensive Studium der Berliner IBA (1984/1987), dirigiert von Hardt-Walther Hämer, führte zum Weiterstricken solcher Impulse in einer schwierigen Region - 70 km lang: Das nördlichen Ruhrgebiet wurde eine "Werkstatt für die Zukunft alter Industriereviere" - die IBA Emscher Park. Für den Struktur-Wandel durch das rasche Zusammenbrechen der gigantischen Montan-Industrie schufen Karl Ganser und Christoph Zöpel eine Lösung - von bis dahin ungekannter Intelligenz, Komplexität und Tragweite: ein zehnjähriges Programm zur Struktur-Entwicklung eines ausgedehnten Raumes.

Um diese IBA-Dekade von 1989 bis 1999 gut zu dirigieren, übernahm Karl Ganser ihre Geschäfts-Führung.

Die Architektur-Biennale in Venedig präsentierte 1996 als deutschen Beitrag das Geschehen an der Ruhr. Als die IBA 1999 ihr Finale hatte, wurde sichtbar: Dieses in der ganzen Welt einzigartige Unternehmen ist ein beispielloser Erfolg.

Das verdankte die IBA der leidenschaftlichen Orientierung der Person Karl Ganser: ökologisch, sozial, kulturell. In der Tradition der Parkstadt-Idee der Jahrhundertwende entstand ein Park quer durch die Region. Hinzu kam ein neuer Gedanke: Qualifiziertes Arbeiten im Park. Stichworte der IBA: Substantiell. Endogene Regionalentwicklung. Nachhaltig. In dieser Phase des Struktur-Wandels ging es sowohl um Erneuerung wie um Kontinuität - durch Industrie-Denkmalpflege. Recycling von Brachen, Qualitäts-Vereinbarungen. Zielorientierte Interpretation von Gesetzen und Vorschriften - quer zur allgemeinen Meinung. Durchwursteln mit Perspektive ("Perspektivischer Inkrementalismus"). Schönheit war kein fremdes Wort mehr, sondern ein Schlüssel-Wort. Wirkungsvoll: die kulturelle Bespielung der IBA-Stätten.

Über den Erfolg konte nach dem IBA-Finale nicht hinwegtäuschen, daß die Wadenbeißer, die mit dem schlauen Karl Ganser Rechnungen offen hatten, aus vielen Ecken kommen und an diesem Jahrhundert-Werk herumnagten. Das politische Spitzen-Management des Bundeslandes nutzte die IBA kaum und ging mit ihrer Folge wenig gut um.

Was IBA zustande brachte, läßt sich schon jetzt absehen. Sie rettete eine zerbrochene großindustrielle Landschaft - als einzige Region der Welt. Sie schuf ein verändertes Image: Selbstbewußtsein, 120 sinnhafte Projekt-Orte, einen einzigartigen intelligenter Tourismus zur Industrie-Kultur.

In seiner Tätigkeit war Karl Ganser der erfolgreichste Denkmalschützer der BRD – nicht nur mit eine Vielzahl von Objekten, sondern auch in qualitativer Hinsicht: mit dem Blick auf Denkmalschutz als Bereich der Stadtentwicklung („städtebaulicher Denkmalschutz“), mit einer Palette von unkonventionellen Objekten und mit dem bis dahin einzigartigen Mut, auch einige riesige Komplexe unter Schutz zu stellen – den Landschaftspark Duisburg Nord mit seinen drei Hochöfen, den Westpark in Bochum sowie die Zeche und Kokerei Zollverein in Essen u. a.

Durch die IBA begrifffen viele Orte, daß ihr industriekulturelles Potential eine Chance ist. Aus dem Gasometer in Oberhausen ist eine der spannendsten und dadurch erfolgreichsten Ausstellungshallen geworden.

Karl Ganser nahm auch engagiert Stellung zu bedrohtem Kultur-Erbe wie dem Hans Sachs-Haus in Gelsenkirchen und half dadurch, dass wenigstens die städtebaulich wirksamen Außenmauern dieser Ruhr-Ikone erhalten blieben.

Der IBA-Gedanke führte dazu, daß das Städtebau-Ministerium die "Regionalen" entwickelte: mehrjährige Planungs-Verfahren, in denen Regionen profilgebende Projekte mit hoher Qualität entwickelten. Diese Regionalen sind ein Instrument des Ministeriums zur qualitativen Steuerung der Planung. Sie regen Lern-Prozesse bei Behörden und Planern an.

In dieser ganzen Zeit behielt Karl Ganser seinen ersten Wohnsitz im schwäbisch-bayrischen Alpenvorland – im Dorf Breitenthal/Nattenhausen, in der Nähe von Krumbach, südlich von Ulm. An seinen Arbeits-Orten quartierte er sich mit zweitem Wohn-Sitz ein, möglichst nicht weiter als fünf Fuß-Minuten entfernt. An den Wochenenden nutzte er die Bahn: zum Lesen, Arbeiten und Diktieren - als "rollendes Büro Bahnabteil".

Früh schuf er sich mit seiner Frau Ruth Ganser im Dorf in einer alten Schmiede eine kleine ökologische Landwirtschaft. In seinem Heimat-Ort spielte er Faustball: in der Bundesliga. Dieses Spiel charakterisiert auch die Person: eine Mischung von gespannter Beobachtung, Warten auf die Chance und plötzliches, explodierendes Punkten.

Als die IBA ihr Büro in Gelsenkirchen schloß, ging Karl Ganser offiziell in Pension. Tatsächlich aber wirkte er weiter. Im Saarland dirigierte er ein Konzept zur Erhaltung und Umnutzung wichtiger industrie-kultureller Stätten. Im Ruhrgebiet stellte er die Weichen dafür, daß die kulturelle Bespielung von IBA-Stätten eine weitere Steigerung erfuhr: Der unkonventionelle Salzburger Festspiel-Leiter Gerald Mortier ließ sich von den unkonventionellen industriekulturellen IBA-Stätten derart begeistern, daß er dort Festspiel entwickelte: die RuhrTriennale. Er war vielfacher Weichensteller: Für die Platzierung der Zeche Zollverein auf die Liste des Unesco-Welterbes. Und für die Kulturhauptstadt 2010.

Karl Ganser und Christoph Zöpel führten einen Paradigmen-Wechsel herbei: im Kern ein Wechsel von den groben Schemen der Stadtplanung hin zu einem komplexen geographischen Denken. Karl Ganser erweitert dies aus der IBA-Erfahrung noch einmal: zur verfeinerten Planungs-Kultur einer Nach-IBA-Utopie - mit dem provozierenden Stichwort "Nationalpark Ruhrgebiet". Über den Begriff mag man streiten, aber der Gedanke (welche Plakette er auch trägt) ist folgerichtig und weitschauend. Leider scheiterte er – an einer verbreiteten Selbstgenügsamkeit.

"Wir machen ständig Kopfstand-Lösungen - für’s selbe Geld kann man erheblich intelligentere Lösungen haben." Was in der IBA geschah, war in erster Linie Querdenken. In Planungs-Sitzungen hatte Karl Ganser eine Methode: Wenn ausgezeichnete Lösungen auf dem Tisch lagen, schloß er erst ab, nachdem er intensiv gefragt hatte: "Gibt es vielleicht noch etwas ganz Anderes ?"

Zweite Fähigkeit: Karl Ganser war Spezialist im Durchbrechen von betonierten Geweben (die es nicht nur im Ruhrgebiet gibt). Zum Aushebeln braucht es Mut und strategischen Einfalls-Reichtum. Mit Karl Ganser erschien ein ganz neuer Typ von Gestalter: Nennen wir ihn den "Spieler". Er riskierte etwas, weil er auch verlieren konnte. Karl Ganser: "Wenn sie mir zuviel Ärger machen, geh ich wieder nach Haus - dann lebe ich als Gastwirt in meinem Dorf." Er stellte sich naiv und brach festgefahrene Planungs-Realität auf - mit weitreichender Kenntnis und Raffinesse. Dabei beobachtete er allerdings auch, wie oft sie später in restriktive Banalität und Behäbigkeit zurückfällt.

Der Literat Seneca Savio: "Wir haben in Italien rund 2000 Jahre Hochkultur angesammelt und bewahrt. Wir teilten sie aus an alle Völker - von der Antike über das Mittelalter bis zu den sogenannten Klassizismen aller Art. Von der Renaissance zum Bauhaus. Ein solches Unternehmen wie die IBA Emscher Park hat es niemals in der Geschichte gegeben. Dies ist in wenigen Jahrzehnten entstanden. Wenn du sehen willst, was heute Hochkultur ist, geh an die Emscher und fürchte dich nicht vor dem nichtigen Spott, mit dem Menschen immer schon das Beste ihrer eigenen Zeit niedergemacht haben."


Literatur:

Heiner Monheim, Karl Ganser: Stationen seiner Arbeit. In: Heiner Monheim/Christoph Zöpel (Hg.), Raum für Zukunft. Zur Innovationsfähigkeit von Stadtentwicklungs- und Verkehrspolitik. (Klartext) Essen 1997, 16/25.

Roland Günter, Im Tal der Könige. Ein Handbuch zum Reisen an Emscher, Rhein und Ruhr. (Klartext) Essen 4. erweiterte Auflage 2000. Eine umfangreiche Darstellung der Ära Zöpel und der IBA.

Roland Günter, Karl Ganser. Ein Mann setzt Zeichen. Eine Planer-Biographie mit der IBA in der Metropole Ruhr. Schriftenreihe des Deutschen Werkbunds NW. (Klartext) Essen 2010.


Bärbel Höhn, Ministerin a.D.

1952 in Flensburg geboren. Dipl. Mathematikerin. Lange Zeit tätig im Mittelbau der Universität Duisburg. Mit Helmut Höhn machte sie Job-sharing, um Zeit für ihre Söhne, für Bürgerinitiativen und Politik zu gewinnen. Seit 1981 ist sie engagiert in Bürgerinitiativen. Mit Erfolg kämpft sie gegen eine geplante Sondermüll-Anlage in Oberhausen. Auch später arbeitet sie erfolgreich gegen Müll-Mafia. 1985/1989 ist Bärbel Höhn Stadtverordnete in Oberhausen und Fraktions-Sprecherin der Bunten Liste und dann der Grünen. 1990/1995 ist sie im Landtag NW und Fraktionsssprecherin der Grünen. Seit 1995 Landesministerin im Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz NRW. Hier entfaltet sie eine Fülle von praxisorientierten und handfesten Programmen. Zu ihren großen Erfolgen gehören: das Recycling, erneuerbare Energien wie Windkraft, Sonnen-Energie und Bio-Gas. Man könnte studieren, wie sie sich als Frau im Kabinett Clement durchsetzte. Gegen sie wurden eine Zeit lang alle Diffamierungs-Mittel eingesetzt, die Politik und Medien gegen ausgezeichnete Frauen häufig zu gebrauchen pflegen. Bärbel Höhn widerlegte sie durch Verhalten und Tatsachen. Es gibt kaum jemanden, der so gut zuhören und mit dem man argumentativ so vorzüglich diskutieren kann. Sie läßt nicht denken, sondern denkt selbst - und ist dabei hoch diskursfähig, d. h. sie lernt am Gegenüber und arbeitet an der Synthese. Aber es beißt auf Granit, wen sie als Frau über den Tisch  zu ziehen versucht, wie dies lange Zeit der Koalitions-Partner im Kabinett zu tun versuchte. Dieses Problem betrifft auch ihre eigene Partei: Als Bundesministerin für Verbraucherschutz und Landwirtschaft wurde sie von Fischer und Trittin verhindert, die Probleme mit selbstbewußten Frauen haben. Für grüne Politik ist sie längst die wichtigste Symbol-Figur geworden. Bärbel Höhn ist die profilierteste und bekannteste Umwelt-Politikerin der BRD. Und vor allem die glaubwürdigste. Selten hat ein Politiker soviel Lust, Energie und Fähigkeit darauf verwandt, seine Bereiche sich sachlich anzueignen - durch ständiges Lernen. Zudem ist sie in der Lage hinzuhören, um Probleme von Seiten der Betroffenen kennen zu lernen. Ihr Argumentations-Stil ist weitgehend ideologiefrei. Sie läßt sich niemals in die üblichen politischen Schlamm-Schlachten ein, sondern argumentiert ruhig die Sache - läßt dabei aber durchblicken, daß dies auch mit Fragen der Einstellung und des Engagements zusammenhängt. Die Ministerin spielte eine wichtige Rolle in der IBA Emscher Park. Darin finanzierte sie mit ihrem ÖPEL-Programm einen erheblichen Teil der Projekte. Im Emscher Park geht es um den Wandel von der Verbrauchs-Landschaft zur attraktiven Kultur-Landschaft. Dies ist ein Paradigmen-Wechsel in der Raum- und Landschafts-Planung. Zu ihnen gehört eine Kette von ökologischen Projekten, z. B. die ökologischen Zentren in Hamm und in Oberhausen. Dierse bilden heute ein sehr wirksame Infrastruktur im ökologischen Bereich. Bärbel Höhn gibt ein ermutigendes Beispiel dafür, was Frauen in diesem Land schaffen können, wenn sie sich engagieren, nicht rasch aufgeben, sondern einen langen Atem haben.

Bernhard Küppers †

Bernhard Küppers wuchs im Duisburger Norden neben dem Hochofen- und Stahlwerk von Thyssen auf. In Karlsruhe ist er ein Schüler von Egon Eiermann. In seiner langjährigen Tätigkeit in Bottrop als Leiter des Hochbauamtes entwarf und baute er über 35 oft umfangreiche Gebäude mit einem hohen Qualitäts-Niveau. Darin hat er lediglich einen einzigen Vorläufer: Ludwig Freitag in Oberhausen in den 1920er Jahren. Weithin berühmt wurde sein kongenial gestaltetes Museum für den Bauhaus-Meister Albers, das Museum "Quadrat", in Bottrop. Ein Meisterwerk ist auch die Umwandlung des Gymnasiums zu einem Kultur-Zentrum. Darin entwickelte er eine Inneneinrichtung mit Möbel-Entwürfen, die dem Bauhaus sehr gefallen hätte. Bernhard Küppers ist ein Vorbild, wie man auch unter vielen Schwierigkeiten in einer Verwaltung lebenslang hohe Qualität durchhalten kann. Küppers interessierte sich nie für irgendeine Publizität. Er blieb völlig im Hintergrund, widmete sich einzig der Sache. Im Werkbund war er ein wichtiger und tätiger Mitarbeiter. Er half beim Beraten von Bürgerinitiativen, vor allem in Duisburg-Wehofen und beim Hans Sachs-Haus in Gelsenkirchen. Eine umfangreiche Biographie mit seinem Werk erscheint in einiger Zeit. Bernard Küppers starb am 30.05.2008.

Louis le Roy †

Landschafts-Architekt und Ökologie-Pionier. Geboren in Amsterdam lebte er seit Jahrzehnten in Heerenveen (Niederlande); am 15.07.2012 verstarb er. Er wurde berühmt durch seine Opposition gegen die europaweite Verwechslung von Ordnung mit steriler, eintöniger  Sauberkeit. Von ihm gibt es die Legende, die ihn gut charakterisiert: Er soll stets die Hosentaschen voll mit Unkraut-Samen haben - und streue sie überall, wo er an sterilem Rasen entlang kommt. Le Roy lebt auf einem großen Grundstück in einem alten Haus - mit drumherum einem Garten, der aus der überraschendsten Szenerie besteht: mit Ziegeln, auch von Abbrüchen, selbst gemauert, mit wilder Natur, deren Vielfalt er lenkt. Solche Szenischen Gärten legte er um die Bauten von bekannten Architekten an. Er gestaltete Projekte in Brüssel, Groningen, Paris, Bremen, Hamburg, Kassel, Oldenburg. Die meisten wilden Gärten wurde aus politischen Gründen zerstört. In Braunschweig ist er ehrenamtlicher Professor, in Heerenveen Ehrenbürger. Besonders bedeutend ist seine 1970 begonnene „Ökokathedrale“ an der Yntzelaan in Mildam (Westfriesland, 4 km östlich von Heerenveen). Auf einem vier Hektar großen Gebiet lagert er Abfall-Produkte der Stadtwerke und erweckt sie zu neuem Leben: Er stapelt, schichtet, formt daraus zusammen mit der wuchernden Natur Gebilde - mit freier menschlicher und natürlicher Energie. Mit seiner Frau Inge gründet er 2001 die Stiftung ZEIT, um die Arbeit an seinen mehreren Ökokathedralen (Name seit 1983) auch in den kommenden Generationen weiter zu führen. Er ist Autor der Bücher „Natur ausschalten - Natur einschalten“ Stuttgart ### und „Retourtje Mondriaan“ . O. O. und J. (www.ecokathedraal.nl. stichtingtijd.nl.) Le Roy hatte starken Einfluß auf das Wirken von Dr. Hans Otto Schule und Werner Ruhnau mit der „Ökokathedrale“ in Oberhausen und der Emscher Landschaftsbauhütte in Oberhausen. 

Prof. Dr. Wolfgang Pehnt

1931 in Kassel geboren. 1951/1956 Stuium der Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie an den Universitäten Marburg, München und Frankfurt am Main. 1956 Promotion in Kunstgeschichte in Frankfurt. 1957/1963 Lektor im Verlag Gerd Hatje in Stuttgart. Seit 1963 Redakteur, 1974/1995 Leiter der Abteilung Literatur und Kunst im Deutschlandfunk (DeutschlandRadio) Köln. 1992 und seit 1996 Lehrtätigkeit an der Ruhr-Universität Bochum. Baugeschichte. 1994 Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. 1995 Professorentitel vom Land Nordrhein-Westfalen für "hervorragendes wissenschaftliches Wirken". 1998 Korrespondierendes Mitglied der Bayrischen Akademie der Schönen Künste in München. Er wohnt in einem Haus von Wolfgang Meisenheimer. Wolfgang Pehnt ist wohl der qualitativ bedeutendste Architektur-Journalist unserer Tage. Als Wissenschaftler verfaßte er bedeutende Publikationen, darunter das Standardwerk zum Expressionismus. Nach seinem Ausscheiden aus dem Funk hat er an der Universität Bochum eine ehrenamtliche Professur. Dem Werkbund ist Wolfgang Pehnt in vieler Hinsicht verbunden. Vor allem hat er viel über ihn im Feuilleton geschrieben. Buch-Publikationen zur Architektur-Geschichte des 19. Und 20. Jahrhunderts. - Wolfgang Pehnt, Die Architektur des Expressionismus. Stuttgart 1973. Erweiterte Neuausgabe 1998. - Wolfgang Pehnt, Hans Hollein. Museum in Mönchengladbach. Frankfurt 1989. - Wolfgang Pehnt, Gottfried Böhm. Basel 1999. - Ingeborg Flagge/Wolfgang Pehnt/Manfred Sack, Schürmann. Tübingen 1997. - Wolfgang Pehnt/H. Strohl, Rudolf Schwarz 1897-1961. Stuttgart. - Wolfgang Pehnt, Karljosef Schattner. Stuttgart, erweiterte Neuauflage 1999.

Hermann Prigann †

Hermannn Prigann galt als einer der wichtigsten Landschafts-Künstler der Welt. Seine bewegte Biografie ist ein Buch für sich. Er lebte lange auf Mallorca. In der IBA Emscher Park schuf er den Bereich um den Sitz der IBA an der Leithestraße in Gelsenkirchen. Das Rhein-Elbe-Gelände hat sich ohne Zutun des Menschen aus einer Industrie-Brache zum "wilden Industriewald" verwandelt. >Terra nova< heißt eine künstlerische Gestaltung, die die zerstörte Landschaft symbolisch mit >Kunst-Zeichen< ästhetisch neugestaltet: er schafft einen Skulpturen-Wald (1998): Nord Ost Tor. Blaue Grotte. Turmhügel Paar. Archäologisches Feld. Die Gefühle der Besucher wechseln zwischen Erinnern und Entdecken. Mit dem fulminanten Spiral-Berg, zu dem die Himmels-Treppe hinauf führt. Um das gigantische Glas-Gebäude der IBA in Herne-Sodingen (Akademie Mont-Cenis) entwickelte er das Ruinen-Feld. In Marl arbeitete er an einem großen Projekt: >Wasserstände<. Sein Werk gilt dem Struktur-Wandel: Der Bergbau soll bei seinem Rückzug keine verwüstete Landschaft hinterlassen, sondern aus dem Rückzug einen positiven Beitrag zu einer neuen Landschaft schaffen - vor allem durch Landmarken. Einige Werke: Das Museum der verlorenen Wünsche. Zum Problem der Nutzung von Deponien. Geschaffen auf Mallorca. - LandArtEuropa. Biennale Niederlausitz. 1998. - Gelbe Rampe. (www.ponoflex.de/find/natur.htm.) - Strohlandschaften in der Lignitz. 1999. - TerraNova 2000 Expo 2000 in Hannover. (www.archen.net)

Prof. Dr. Reinhard Roseneck &#8224;

Reinhard Roseneck, Architekt und Bauhistoriker, ist seit mehreren Jahrzehnten in Niedersachsen Bezirks-Denkmalpfleger und Lehrbeauftragter an der Universität Göttingen.

Roseneck zählt zu den erfolgreichsten Denkmalpflegern der Republik. Insbesondere der Industrie-Kultur. Niemand hat so viel Unesco-Welterbe zustande gebracht: Das Bergwerk Rammelsberg in Goslar an der Steilwand des Harz ist das einzige Bergwerk der Welt, das eine Kontinuität von tausend Jahren hat. Seine Aufbereitungs-Anlagen zieht sich aus der Höhe terrassenartig zu Tal. Entwerfer der riesigen Anlage waren Fritz Schupp und Martin Kremmer, die auf der Unesco-Welterbeliste mit zwei Projekten vertreten sind – auch mit der Zeche Zollverein in Essen. Auch für Zollverein machte Roseneck ein umfangreiches Gutachten.

Zum Welterbe-Bergwerk Rammelsberg gehören auch die vor ihm ausgebreiteten historischen Wohn-Viertel dieser uralten Industrie-Kultur: die gesamte Altstadt Goslar mit 1500 Fachwerkhäusern. Goslar war jahrhundertelang eine Industriestadt. Dies ist heute – einzigartig – erfahrbar. Die Metall-Gewinnung und Metall-Verarbeitung brachte jahrhundertelang auch Reichtum in die Stadt.

Reinhard Roseneck macht den Rammelsberg zu einem ausgezeichneten Museum und zum Besucher-Bergwerk. Seine überragende Tüchtigkeit in Aufbau und Leitung führte jedoch bei Politik und Verwaltung der Stadt nicht etwa zu Anerkennung und Stolz, sondern zu Neid und Mobbing führte – ein unfassbarer Skandal: der politische Filz, angeführt ausgerechnet von der Partei mit dem Slogan „Leistung muß sich lohnen“, verdrängte den Fachmann und setzte einen inkompetenten bankrott gegangenen Autohändler an seine Stelle.

Einige Jahre später brachte Reinhard Roseneck die Oberharzer Wasserwirtschaft ins Unesco-Welterbe. Eine Landschaft mit Halden und einem Netz an Wassergräben und Speicher-Seen. Es ist das weltweit mit Abstand größte vorindustrielle Versorgungs-System für Energie – jahrhundertelang entwickelt und über 800 Jahre hinweg funktionsfähig. Es schuf Wasser-Kraft für den Bergbau: mit einem ausgeklügeltes System, um Regen aufzufangen, zu speichern und als Energie weiter zu geben – zu einer Fülle von Wasserrädern für Verarbeitungs-Prozesse der hier in zahlreichen Bergwerken geförderten Metalle.

Zudem führte Rosenecks Tätigkeit zu einem Blick mit völlig neuen Augen. War der Harz nach dem Ende seiner industriellen Produktivität lange Zeit lediglich als Erholungsgebirge wahrgenommen worden, legte der Denkmalschützer und Forscher nun den Blick frei: auf die weit reichende historische Bedeutung der Landschaft. Wegen ihrer Ressourcen war sie eines der größten Konflikt-Felder der Alten Welt: ein jahrhundertlanger Streit über das Recht, die Gewinne aus der Metallurgie abzuschöpfen. Ein Streit, die Europa spaltete – in Welfen und Staufer, italienisch Guelfi e Ghibellini. Goethes Faust II beschreibt den Bankrott des Kaisers und seine Suche, unter der Erde Schätze zu finden.

Reinhard Roseneck gründete und baute mehrere außerordentlich innovative Museen auf. Das Zisterzienser-Kloster Walkenried stellt den „weißen Konzern“ dar – den Orden mit einem umfangreichen Wirtschafts-Management. Das Höhlenmuseum der Iberger Tropfsteinhöhle in Bad Grund zeigt das Leben vo Menschen um 1000 vor Chr. – und dass es von den dort Beigesetzten noch heute über die DANN nachweisbare Nachkommen gibt. Stahlwerk Salzgitter gab es das KZ Drütte – an diese Stätte menschlicher Leiden wird die Erinnerung wachgehalten. Roseneck ist der Wegbereiter für museale Kooperationen - mit dem Modell „Historische Bergbauregion Harz“.

Intensiv setzte sich der Denkmalschützer auch mit dem Wirken von Alvar Aalto in Wolfsburg auseinander. Er rettete den Leuchtturm Roter Sand in der Deutschen Bucht und begründet mit diesem wichtigen Werk den Maritimen Denkmalschutz. 1979 entzog Roseneck den ältesten deutschen Bahnhof dem Abriß: Vienenburg (1840). Er gehörte einst der Braunschweiger Staatsbahn. Zu seinem Spektrum an Tätigkeiten und Publikationen gehört eine umfangreiche Untersuchung zu Stadtgestalt und Außenwerbung in Städten.


Hans Schilling &#8224;

Hans Schilling steht für eine Kette von bedeutenden Architekten der Nachkriegs-Zeit, die in Köln lebten und von dort eine weitreichende Ausstrahlung hatten. In der Nachkriegs-Zeit, die durch die typische Reduktion im Denken geprägt war, äußerte sich die Phantasie vor allem in Kirchen-Bauten. Dazu trug Hans Schilling erheblich bei. Er zählt zu den letzten der Baumeister-Schule, die die Zusammenarbeit mit allen Künsten suchte - ein Gedanke der Jahrhundertwende und des Werkbundes. Hans Schilling. Architektur 1945-2000. Köln 2001. Dieses Buch, auch buchmacherisch bemerkenswert (einfach, übersichtlich, praktisch, instruktiv), zeigt das Lebens-Werk eines wichtigen Architekten, ausgestattet mit einem sehr menschlichen Vorwort, das sich auch mit dem Verändern und Vergessen beschäftigt. 1937 Bauzeichner-Lehre im Büro von Clemens Endler/Karl Band. Über Karl Band, der nach 1945 politisch tätig ist, kommt Schilling als engster Mitarbeiter von Band ins Umfeld der "Wiederaufbaugesellschaft" für Köln, die Rudolf Schwarz leitete. Viele Entwürfe mit Karl Band. Herausragend: Gürzenich von Band/Schilling (1949) - ein Symbol-Bau der frühen Nachkriegs-Zeit. In den 1950er Jahren umfaßt das Spektrum des Entwerfens und Realisierens nahezu alle Gattungen, einschließlich Stadtplanung. Damit ist Schilling einer der Planer, die das "moderne" Gesicht von Köln nachhaltig prägten. Eine große Rolle spielen die Aufträge, die in den 1950/1960er Jahren das Bistum Köln in umfangreichem Maße für zerstörte und neue Kirchen in den rasch wachsenden Städten gab. Schilling baute weit über 30 Sakralbauten. Eine große Bedeutung spielten darin die weiteren Künste: Licht-Gestaltung, Plastik, Malerei und viele mehr. Die Kette der Künstler ergäbe bereits die Skizze einer Kunstgeschichte im Nachkriegs-Rheinland. Das Buch gibt in einer Anzahl von Texten Aufschluß über den Umgang von Architekt und Bauherren. Hinzu kommen interessante Beobachtungen zur Gesellschaftlichkeit der Aufgabe. Und: Hans Schillings rheinische Erzähl-Formen geben Einblick in "kölsche Mentalität". Interessant auch die positive Einstellung zum Stichwort "Milieu" - in einer Zeit, in der es dafür in Planer-Kreisen so gut wie keinerlei Ansehen hatte.

Prof. Erich Schneider-Wessling

Prof. Erich Schneider-Wessling vertritt mit bedeutenden Bauten ökologisch durchdachte, natur- und menschenfreundliche Architektur im Sinne von  Richard Neutra, dessen Mitarbeiter er in einer frühen Phase gewesen ist.


Prof. Maria Schwarz

Maria Schwarz und Rudolf Schwarz gehören zu den wichtigsten Entwerfern der Nachkriegs-Moderne im Rheinland. Beide waren in vieler Weise dem Werkbund verbunden. Das Wirken von Maria Schwarz steckt zum Teil untrennbar im Werk des Mannes. "Baukunst entsteht nur aus dem Gemeinsamen" (Rudolf Schwarz). "Die Hände zu trennen, will nicht gelingen" (Wolfgang Pehnt, FAZ 2. 10. 2001). Es gehört zu den schreienden Ungerechtigkeiten von Publizität und Geschichtsschreibung, daß der Anteil der Frauen (dies trifft nicht nur Maria Schwarz) meist entweder überhaupt ungenannt bleibt oder viel zu wenig gewürdigt wird. Dies ist ein Teil der negativen Emanzipations-Geschichte der Männer-Welt. So mag die Ehrung für Maria Schwarz eine Mahnung sein, in Zukunft mit dem Anteil der Frauen angemessen umzugehen. 1946 Dipl. Ing. an der RWTH Aachen. Lehrer waren Otto Gruber, René von Schöfer und Hans Schwippert. 1946/1949 Assistentin bei René von Schöfer (Baukunst der Antike) und Mitarbeit im Büro von Hans Schwippert - mit dem Entwurf einraumtiefer Häuser. 1949/1951 Wiederaufbaugesellschaft Köln. Stadtplanung mit Rudolf Schwarz. 1951 heiraten Maria Schwarz und Rudolf Schwarz. Dann ist Maria Schwarz seine Mitarbeiterin, vor allem in den Bauaufgaben Gürzenich in Köln, St. Anna in Düren und St. Theresia in Linz. 1961 stirbt Rudolf Schwarz. Maria Schwarz betreut nicht nur den Nachlaß, sondern führt auch sein Lebenswerk weiter. Maria Schwarz leitet das Büro. Sie stellt die geplanten Bauten fertig, zusammen mit Mitarbeitern und Schülern. Es entstehen 9 Kirchen und  Pfarrzentren. Als völlig eigene Bauten sieht sie an: zwei Kirchen und Pfarrzentren sowie Wohn-Bauten. Maria Schwarz nimmt teil am Kampf um die Erhaltung der Paulskirche in Frankfurt, u. a. mit Unterstützung von Werkbund und BDA. 1986/1988 Instandsetzung und Fertigstellung der Paulskirche in Frankfurt. Kampf um die Erhaltung des Gesamtkunstwerkes Gürzenich in Köln, u. a. mit Unterstützung des Werkbund und BDA. Seit 1998 Lehr-Auftrag Sakralbau an der Universität München beim Lehrstuhl für Entwerfen und Raumgestaltung von Prof. Hannelore Deubzer. Eine Besonderheit: Sie entwirft Orgeln, u. a. in der Paulskirche in Frankfurt, St. Maria im Capitol in Köln, St. Andreas in Köln, St. Marzellinus in Vallendar.

Andries van Wijngaarden

Lehre als Zimmermann. Während seines Studiums an der Acadiemie voor Bouwkunst in Amsterdam lebt er im Umfeld der Amsterdamer Protest- und Erneuerungs-Bewegungen von Provo (1965/1966) und Kabouter (1970). 1972 Examen als Architekt an der Akademie. 1973/1977 Stadtarchitekt und Städtebauer in der Stadt Delft. Pionier-Phase der Stadt-Reparatur in alten Stadt-Bereichen und Zeit der Bewohner-Initiativen. Sie fordern bezahlbare Wohnungen statt teure Büros und Parkhäuser. 1977 bis heute: eigenes Büro in Rotterdam. Zusammen mit wechselnden Partnern. Einige Zeit Gastdozent an der Academie van bouwkunst. Spezialisierung in allen Arten von Wohnungs-Bau, vor allem in städtischen Situationen - mit Läden, kleinen Betrieben, Hotels, Viertel-Einrichtungen wie Stadtteil-Zentren, z. B. Capelle West in Capella a/d IJssel. Anpaßbarer Wohnraum. Andries van Wijngaarden ist ein tiftelnder Meister geschickter Grundrisse - eine Tradion, die in Hollande vom Schiffs-Bau stammt. Bauten vor allem im Westen des Landes und Brabant: in Rotterdam, Den Haag, Utrecht, Breda und Tilburg. 10 Jahre lang ist er in Rotterdam der Architekt, der am häufigsten von Bewohnern in einem in den 1970er/1980er Jahren berühmten Mitbestimmungs-Verfahren zum Vertrauen gewählt wurde. Vor allem in Rotterdam stehen viele seiner umfangreichen Projekte. Er wurde zur Werkbund-Tagung und Ausstellung in Saarbrücken von Michael Andritzky geholt und war damals mit seiner Präsentation ein Licht-Punkt dieses wichtigen Ereignisses. Dort stellte er das Rotterdamer Modell der Mitsprache der Mieter vor. Seine Architekturen haben hohe Gebrauchs-Werte und sind zugleich sehr interessant. Lange Zeit waren sie auch sehr szenisch konzipiert. Mit Christian Schaller (Köln) gibt es seit vielen Jahren einen Austausch. Mit ihm knüpfen wir an die lange Vorkriegs-Beziehung des Werkbundes in die Niederlandeanknüpfen und ein Symbol setzen. Berlage war Werkbund-Mitglied, J. J. P. Oud und Mart Stam standen ihm nahe. Im Hinblick auf eine europäische Ausweitung macht es besonderen Sinn, ihn als Ehren-Mitglied des Werkbunds zu haben.

Marlene Zlonicky &#8224;

Marlene Zlonicky. Werkbund-Mitglied, lange Zeit in Nordrhein-Westfalen und nach ihrem Umzug nach Berlin.  Marlene Zlonicky ist vielen bekannt als eine außerordentlich intelligente und vielseitige Stadt-Planerin und Architektin. Sie lebte weitgehend in Essen. Übrigens in einem Haus des berühmten Krupp-Architekten Georg Metzendorf, ebenfalls ein Werkbund-Mitglied.
Einige Jahre arbeitete sie mit ihrem Mann, Peter Zlonicky, zusammen. Nach ihrer Scheidung betrieb sie ihr eigenes Büro für Architektur und Stadtplanung.
Marlene Zlonickys hat ein völlig eigenes umfangreiches Werk geschaffen - an rund 250 Orten. Sie ist eine exzellente Entwerferin. Und eine ebenso gute und darin gewiß weitaus bekanntere Stadtplanerin. Ihr Konzept ist bis heute die Einheit der Künste. Dadurch war sie auch auf hohem Niveau bildhauerisch tätig. Zu diesem Konzept gehört auch eine hohe Wertschätzung des Wortes: Daraus entstanden viele Texte. Ihre besondere Fähigkeit besteht darin, Klischees zu überprüfen und in Frage zu stellen - darüber hinaus aber stets nach konstruktiven Alternativen zu suchen. Sie ist geradezu eine geborene Querdenkerin. Die Probleme, die sie sich dadurch an den Hals zog, sind vielschichtig - und zeigen mehr von den Zuständen der Gesellschaft als von ihr: Quer-Denken ist in einer weitgehend statisch orientierten Gesellschaft, in der das Stichwort Bewegung und Problemlösung eher in maskierenden Fest-Reden erscheint, wenig gefragt. Trotzdem hat  Marlene Zlonicky sehr viel durchgesetzt. Hinzu kommt, daß das Quer-Denken, wenn es eine Frau in meist männerbündischen Szenerien vorträgt, zu doppelter Skepsis, oft zu Ängsten führt. Eine weitere Fähigkeit von Marlene Zlonicky: Sie hat Lust, sich einzumischen. Das ist, wie jedermann weiß, in Bereichen, in denen es um Aufträge geht, eher gefährlich und hinderlich. Ihr Engagement stammt aus einer profunden Wurzel einer menschlichen Aufklärung. Sie hat so ziemlich allen Unbill ertragen, der Frauen auf dem Weg zur Emanzipation zustößt - eine Fülle von Zurücksetzungen. Aber sie gehört zu denen, die nicht den resignierenden Schluß vieler Frauen ziehen - Marlene Zlonicky gab nie auf. Sie setzte ein Beispiel für Mut und Tatkraft auch in schwierigen Situationen.

Prof. Dr. Christoph Zöpel, Staatsminister a.D.

Jahrgang 1943, studiert nach 1963 in Berlin und Bochum Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und Öffentliches Recht. 1969 Diplom-Ökonom. 1973 promoviert er zum Dr. rer. oec. 1969 bis 1974 arbeitet er als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Bochum, von 1974 bis 1980 als Akademischer Rat. 1965 bis 1967 ist Dr. Christoph Zöpel Mitglied des Rates der Stadt Bochum. 1972 wird er Abgeordneter im Landtag von Nordrhein-Westfalen. Von 1975 bis 1978 ist er dort stellvertretender Fraktions-Vorsitzender. 1978 wird er Minister für Bundes-Angelegenheiten in der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen und von 1980 bis 1989 ist er Minister für das neu gegründete Ministerium für Landes- und Stadtentwicklung bzw. für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr in Nordrhein-Westfalen. Erste große Tat: Er holt sich Karl Ganser als Abteilungs-Leiter für den Städtebau. Zweite große Tat: die Umsteuerung 1981. Das Sanierungs-Programm, mit dem NRW staatsoffiziell und mit Milliarden DM seine historischen Städte zerstörte und vandalierte wurde auf den Prüfstand gestellt und praktisch abgeschafft. Dritte große Tat: Das Denkmal-Gesetz, das nun neben Aspekten der Ästhetik auch auf historische Aspekte interdisziplinärer Art zielt, und die nachfolgende sehr weitreichende, denkmalfreudige Praxis. Sämtliche Minister-Entscheidungen traf Christoph Zöpel zugunsten des Denkmal-Schutzes. Es folgte eine Kette von produktiven Entscheidungen. - Behutsame Stadt-Entwicklung.
- Ende mit unsinnigem Straßen-Bau.
- Viele Stadt-Viertel erhielten Wohn-Straße (Wohnumfeld-verbeserung).
- Ein Programm für benachteiligte Stadtteile (z. B. Duisburg-Bruckhausen und Dortmund Nord).
- Ökologische Orientierung im Städtebau.
- Keine Hochhäuser mehr im sozialen Wohnungs-Bau.
- Eine einzigartige Kette von soziokulturellen Zentren entsteht.
- In Düsseldorf wurden die Weichen für den Rhein-Ufer-Tunnel und die Fritschi-Planung gestellt.
- Preußen-Museen in Wesel und in Minden.
- Zehlreiche Museums-Bauten, darunter das dezentrale Rheinische Industriemuseum in Oberhausen mit seinen 7 Standorten sowie das Weserrenaissnace-Museum in Lemgo-Brake.
- Umfangreiche Unterschutzstellungen von Industrie-Denkmälern und Siedlungen.
- Wichtigste Entscheidung: die IBA Emscher Park - die weltweit umfangreichste und qualitativ entwickeltste Strukturentwicklungs-Maßnahme. Christoph Zöpel ging 1990 als Bundestagsabgeordneter nach Bonn. Später wurde er eine Zeit lang Staatsminister im Auswärtigen Amt. Heute widmet er sich vorwiegend internationalen Fragen, vor allem der Globalisierung.


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